Starke Zahlen, schwache Reaktion – Micron unter Erwartungsdruck 

Die Quartalszahlen von Micron in der vergangenen Woche waren stark. Die verhaltene Reaktion der Aktie zeigt jedoch, wie hoch die Erwartungen inzwischen sind. Gute Zahlen allein reichen offenbar nicht mehr aus. Anleger wollen sehen, dass Nachfrage, Preise und Margen nachhaltig hoch bleiben.

Das bedeutet nicht automatisch, dass die Aktie nun nach unten dreht. Nach einem Kursplus von rund 270 Prozent seit Jahresbeginn dürften Anleger jedoch vorsichtiger werden.

KI macht Speicher knapp

Besonders gefragt sind HBM-Speicher für KI-Beschleuniger, Server-DRAM als temporärer Arbeitsspeicher und SSDs zur dauerhaften Datenspeicherung.

Micron hat im abgelaufenen Quartal die Erwartungen übertroffen. Der Umsatz lag bei 54,2 Milliarden Dollar, der bereinigte Gewinn je Aktie bei 33,42 Dollar. Für das laufende Quartal stellt der Konzern einen Umsatz von rund 61,5 Milliarden Dollar und einen bereinigten Gewinn je Aktie von 38,15 Dollar in Aussicht. Damit liegt Micron deutlich über den Analystenschätzungen von 56,8 Milliarden Dollar Umsatz und 36,02 Dollar Gewinn je Aktie. Nach dem Rekordjahr 2026 rechnet das Unternehmen zudem mit einem noch stärkeren Geschäftsjahr 2027.

Der wichtigste Wachstumstreiber bleibt der KI-Boom. Die hohe Nachfrage nach HBM-Speichern für KI-Rechenzentren treibt Preise, Umsatz und Gewinn. Anhaltende Engpässe und der Ausbau der Produktionskapazitäten deuten darauf hin, dass die Investitionen in Rechenzentren bei den Speicherherstellern in konkrete Aufträge und Umsätze übergehen.

Wachstum mit Margenrisiko

Microns bereinigte Bruttomarge bleibt außergewöhnlich hoch, dürfte im laufenden Quartal aber von 87 auf 86,3 Prozent sinken. Damit läge sie unter der Analystenschätzung von 86,7 Prozent. Hauptgrund sind höhere Kosten für die variable Vergütung der Mitarbeiter.

Kurzfristig belastet das die Margen. Langfristig können höhere Löhne jedoch helfen, Fachkräfte zu binden und den Ausbau von Produktion und technologischem Know-how abzusichern. Entscheidend bleibt Microns Preissetzungsmacht. Solange das Unternehmen höhere Speicherpreise durchsetzen kann, lassen sich die zusätzlichen Personalkosten auffangen. Fallen die Speicherpreise, könnten die Margen dagegen deutlich stärker unter Druck geraten.

Der Speichermarkt bleibt zyklisch. Micron und seine Wettbewerber bauen ihre Kapazitäten weiter aus. Sobald zusätzliches Angebot auf eine nachlassende Nachfrage trifft, könnten Speicherpreise und Margen wieder deutlich sinken.

Starke Zahlen, schwache Reaktion

Trotz der starken Zahlen reagierte die Aktie am Mittwoch nachbörslich kaum und beendete die Woche sogar mit einem leichten Minus von 0,7 Prozent. Nach einem Kursplus von rund 273 Prozent seit Jahresbeginn deutet das darauf hin, dass ein erheblicher Teil der positiven Erwartungen bereits eingepreist war.

Für die allgemeine KI-Story sind die Micron-Zahlen ein starkes Signal, vor allem für die KI-Infrastruktur. Die hohe HBM-Nachfrage, steigende Preise und anhaltende Engpässe zeigen, dass der Ausbau von Rechenzentren bei den Zulieferern in konkreten Aufträgen und Umsätzen ankommt.

Die Zahlen belegen jedoch nicht, dass KI bereits im gesamten Ökosystem profitabel ist. Hohe Löhne, massive Investitionen und zusätzliche Produktionskapazitäten belasten die Kostenstruktur. Anleger sollten deshalb zwischen der gut belegten Infrastrukturstory und der noch offenen Frage unterscheiden, ob Unternehmen mit KI dauerhaft hohe Renditen erzielen.

Entscheidend sind die Entwicklung der HBM-Preise, die Auftragseingänge, die Bruttomarge, die Auslastung neuer Kapazitäten und der freie Cashflow. Gute Zahlen allein reichen bei Micron inzwischen nicht mehr aus. Der Markt will sehen, dass Nachfrage, Preise und Margen auch über den aktuellen Boom hinaus Bestand haben.

Warum das KGV so stark fällt

Das Forward-KGV von Micron, also das Verhältnis des Aktienkurses zum erwarteten Gewinn je Aktie, liegt für das kommende Geschäftsjahr derzeit bei etwa 6 bis 7. Das wirkt zunächst günstig, kann bei einem zyklischen Unternehmen jedoch ein Warnsignal sein. Denn bei solchen Unternehmen ist das KGV häufig dann besonders niedrig, wenn die Gewinne ihren zyklischen Höchststand erreichen.

Microns Gewinnprognosen steigen derzeit wegen der starken Nachfrage nach High-Bandwidth Memory für KI-Systeme deutlich. Analysten erwarten für das Geschäftsjahr 2027 ein EPS von 160,05 bis 176,69 US-Dollar je Aktie. Dadurch wächst der erwartete Gewinn je Aktie, der Nenner des KGVs, besonders schnell.

Die Gewinnerwartungen sind damit deutlich stärker gestiegen als der Aktienkurs, wodurch das KGV rechnerisch gesunken ist. Der Markt stellt jedoch infrage, ob Micron diese Gewinnniveaus dauerhaft halten kann. Deshalb bewertet er das Unternehmen nicht wie ein strukturell wachsendes Technologieunternehmen mit einem KGV von 20 oder mehr.

Die Zykliker-Falle

Großanleger betrachten DRAM- und NAND-Speicher traditionell als eine Art Commodity. Das Geschäft folgt einem typischen Schweinezyklus. Eine hohe Nachfrage führt zunächst zu Engpässen und steigenden Preisen. Die hohen Margen veranlassen Micron, Samsung und SK Hynix, gleichzeitig in neue Produktionskapazitäten zu investieren. Sobald diese verfügbar sind, kann das Angebot die Nachfrage übersteigen. Preise und Margen geraten dann unter Druck, und die Gewinne können innerhalb weniger Quartale deutlich zurückgehen.

Falle oder Kaufchance

Die Skeptiker sehen im niedrigen KGV eine optische Täuschung. Sollte Samsung seine HBM-Produktion deutlich ausweiten, könnte das zusätzliche Angebot die Preise und damit Microns Margen und Gewinne unter Druck setzen. Das KGV würde dann steigen, weil der Gewinn je Aktie sinkt, auch wenn der Aktienkurs unverändert bleibt.

Die Optimisten erwarten dagegen einen strukturellen Wandel. Sie argumentieren, dass der KI-Boom Micron weniger abhängig von den bisherigen Speicherzyklen machen könnte. Langfristige Take-or-Pay-Verträge bis 2030, bei denen Kunden die Abnahme bestimmter Mindestmengen zusagen, könnten zudem die Planbarkeit des Geschäfts verbessern.

Entscheidend ist damit, ob Micron vor einem nachhaltig höheren Gewinnniveau steht oder sich lediglich am Höhepunkt eines neuen Speicherzyklus befindet.

Micron zurück im Bullenmarkt

Die Micron-Aktie setzt ihren kurzfristigen Rückgang in dieser Woche zunächst fort und verliert 1,5 Prozent. Mit Kursen über der psychologisch wichtigen Marke von 1.000 Dollar behalten die Käufer zunächst die Kontrolle. Seit dem Allzeithoch im Juni bei 1.254 Dollar war die Aktie zeitweise um 44 Prozent gefallen. Im Juli erreichte sie bei 705 Dollar ihr Tief. Seitdem hat sie sich um rund 50 Prozent erholt und befindet sich damit wieder in einem Bullenmarkt.

Für das bullische Momentum wäre entscheidend, dass die Aktie ihre 20-Wochen-Linie bei derzeit 982 Dollar verteidigt. Die nächste wichtige Unterstützung liegt deutlich tiefer am Tief bei 653 Dollar. Gelingt der Ausbruch über das Rekordhoch, wäre eine Anschlussbewegung von 15 bis 25 Prozent nicht ungewöhnlich. Daraus ergäben sich mögliche Kursziele von 1.440 und 1.580 Dollar.

In den vergangenen anderthalb Jahren fielen solche Anschlussbewegungen teilweise noch deutlich größer aus. Nach dem starken Kursanstieg sollten Anleger ihre Renditeerwartungen dennoch realistisch halten.

Micron, Wochenchart. Quelle: etoro

Worauf Anleger achten sollten

Micron ist langfristig gut positioniert, weil der Konzern zentrale Komponenten für den Ausbau der KI-Infrastruktur liefert. Die hohe Profitabilität schafft einen finanziellen Puffer und verschafft Micron Vorteile gegenüber schwächer aufgestellten Wettbewerbern. Gegen steigende Ölpreise und Anleiherenditen ist das Unternehmen jedoch nicht immun. Sie könnten den KI-Boom zwar nicht brechen, aber Investitionen und Wachstum zumindest verlangsamen. Insgesamt bleibt Micron damit eine strukturell starke, zugleich aber zyklische Aktie mit Rückschlagrisiko.

 

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