Infineon: Kann KI die Aktie zurück auf Rekordkurs bringen? 

Ob die Infineon-Aktie ihr Korrekturtief bereits erreicht hat, bleibt charttechnisch offen. Die soliden Quartalszahlen und der positive Ausblick liefern zwar fundamentalen Rückenwind, für ein bestätigtes Ende der Korrektur müssen jedoch noch wichtige technische Widerstände überwunden werden.

Starke Zahlen, hohe Erwartungen

Infineon setzt seinen Wachstumskurs fort. Der Umsatz lag im zweiten Quartal mit 4,17 Milliarden Euro über den Erwartungen von 4,13 Milliarden Euro. Für das laufende Quartal stellt der Konzern rund 4,7 Milliarden Euro in Aussicht, ebenfalls etwas mehr als vom Markt erwartet. Bei der Profitabilität blieb der Ausblick dagegen leicht hinter den Erwartungen zurück. Infineon rechnet mit einer operativen Marge von rund 23 Prozent, während der Konsens bei 23,7 Prozent lag. Genau diese Differenz dürfte zur verhaltenen Kursreaktion beigetragen haben.

Besonders stark wächst das Geschäft mit Stromversorgungslösungen für KI-Rechenzentren. Infineon produziert dabei nicht die eigentlichen KI-Prozessoren, sondern Leistungshalbleiter, die Strom in Rechenzentren effizient umwandeln und verteilen. Mit steigender Rechenleistung und höherem Energiebedarf wächst damit auch die Nachfrage nach diesen Komponenten. Dabei spielen zunehmend Halbleiter auf Basis von Siliziumkarbid und Galliumnitrid eine Rolle, die bei bestimmten Anwendungen höhere Effizienz ermöglichen.

Die Nachfrage ist hoch. Kunden verhandeln über oder reservieren bereits Produktionskapazitäten über mehrere Jahre. Das damit verbundene Umsatzvolumen liegt laut Infineon kumuliert im hohen einstelligen Milliarden-Euro-Bereich. CEO Jochen Hanebeck sieht bereits das Risiko, dass das Angebot mit der Nachfrage nicht Schritt halten könnte. Die bisherige Prognose von mehr als 2,5 Milliarden Euro Umsatz mit KI-Leistungshalbleitern für 2027 soll im November deutlich angehoben werden.

Autogeschäft zeigt erste Erholung

Auch im weiterhin wichtigen Automobilgeschäft verbessert sich das Umfeld. Infineon spricht von moderatem Wachstum. Gleichzeitig eröffnet das Geschäft mit KI-Rechenzentren einen zusätzlichen Wachstumstreiber und ermöglicht es dem Konzern, Kapazitäten aus weniger attraktiven Bereichen stärker auf KI-Anwendungen auszurichten. Ein Risiko bleibt der zunehmende Wettbewerb aus China. Vor allem bei weniger differenzierten Halbleitern für die Automobilindustrie steigt der Preisdruck durch lokale Anbieter.

Investitionen steigen

Infineon plant für das laufende Geschäftsjahr Investitionsausgaben von rund 2,7 Milliarden Euro. Ein Teil davon fließt in den Ausbau der Produktionskapazitäten, darunter das neue Werk in Dresden, mit dem der Konzern unter anderem auf die wachsende Nachfrage nach Leistungshalbleitern reagiert. Die Reaktion der Aktie zeigt, wie hoch die Erwartungen inzwischen sind. Trotz besser als erwarteter Umsätze und eines soliden Ausblicks geriet der Kurs unter Druck. Neben allgemeinen Sorgen über hohe Bewertungen im Halbleitersektor dürfte dabei auch die leicht unter den Erwartungen liegende Margenprognose eine Rolle gespielt haben. Für Infineon reicht es deshalb zunehmend nicht mehr aus, starkes KI-Wachstum zu zeigen. Entscheidend wird sein, ob sich dieses Wachstum auch in steigenden Margen, Cashflows und Gewinnen niederschlägt. Je höher die Erwartungen steigen, desto kleiner wird der Spielraum für operative Enttäuschungen.

Bedeutung für Deutschland

Infineon ist zugleich ein wichtiger Baustein der europäischen Halbleiterindustrie. Der Ausbau des Standorts Dresden zeigt, dass Deutschland bei strategisch wichtigen Halbleitertechnologien über relevante industrielle Kompetenzen verfügt. Gleichzeitig hängt die internationale Wettbewerbsfähigkeit solcher Investitionen langfristig auch von Standortfaktoren wie Energiepreisen, Fachkräfteangebot und regulatorischen Rahmenbedingungen ab.

Die Bewertung verlangt mehr

Im direkten Wettbewerbsvergleich fällt Infineon vor allem durch seine relativ hohe Bewertung auf. Das Forward-KGV liegt bei 24,7 und damit deutlich über NXP mit 14,0 sowie onsemi mit 20,6. Nur STMicroelectronics wird mit 27,7 noch höher bewertet. Die Spanne reicht damit von 14 bis knapp 28 – Infineon liegt damit am oberen Ende. Bei der Profitabilität dreht sich das Bild. Infineon erreicht eine EBIT-Marge von 16,3 Prozent und liegt damit deutlich vor STMicroelectronics mit nur 6,5 Prozent. NXP kommt dagegen auf starke 32,9 Prozent, onsemi auf 23,2 Prozent. Infineon liegt damit lediglich im Mittelfeld. Besonders auffällig ist NXP. Das Unternehmen kombiniert die höchste EBIT-Marge mit dem niedrigsten Forward-KGV der Vergleichsgruppe. STMicroelectronics bildet das andere Extrem: höchste Bewertung, aber mit Abstand niedrigste Marge. Infineon positioniert sich dazwischen – vergleichsweise hoch bewertet, aber operativ profitabler als STMicroelectronics.

Erste Anzeichen einer Bodenbildung

Die Infineon-Aktie notiert am Dienstagnachmittag seit Wochenbeginn rund 1,7 Prozent höher bei 63,30 Euro. Nach der kräftigen Korrektur der vergangenen Wochen zeigt der Kurs erste Anzeichen einer Stabilisierung. In der Vorwoche bildete sich eine Inside Bar, die Handelsspanne lag also vollständig innerhalb der Spanne der vorherigen Woche. Das signalisiert zunächst eine abnehmende Volatilität und Konsolidierung, gibt aber noch keine klare Richtung vor. Gleichzeitig erwies sich der Rückgang unter die Unterstützung bei 60,60 Euro bereits zum zweiten Mal als Fehlausbruch. Zuvor war die Aktie zeitweise bis auf rund 54 Euro gefallen. Dort traf der Kurs auf das 61,8%-Fibonacci-Retracement der Aufwärtsbewegung vom März-Tief bei rund 36 Euro bis zum Juni-Hoch von über 88 Euro und drehte anschließend wieder nach oben. Dieser Rally waren außergewöhnliche zehn Gewinnwochen in Folge vorausgegangen. Vom Rekordhoch verlor die Aktie in der Spitze rund 39 Prozent, aktuell beträgt der Abstand noch etwa 28 Prozent.

Für eine weitere Aufhellung des Chartbildes muss die Aktie zunächst die bei rund 63,50 Euro verlaufende 20-Wochen-Linie nachhaltig zurückerobern. Darüber liegt bei rund 70 Euro der nächste wichtige kurzfristige Widerstand. Ein Ausbruch über diese Marke würde die Chancen auf eine Fortsetzung der Erholung erhöhen. Scheitert die Aktie dagegen an der 20-Wochen-Linie und fällt anschließend nachhaltig unter 60,60 Euro, dürfte der Verkaufsdruck wieder zunehmen. Dann könnte zunächst das jüngste Tief bei rund 54 Euro erneut in den Fokus rücken. Ein Bruch dieser Marke würde die Korrektur ausweiten. Die übergeordnete Aufwärtsstruktur seit dem März-Tief wäre jedoch erst bei einem Rückfall unter den Bereich um 36 Euro vollständig negiert.

Infineon, Wochenchart. Quelle: eToro

Worauf sollten Anleger jetzt achten?

Für Anleger richtet sich der Blick in den kommenden Quartalen vor allem auf das KI-Geschäft. Entscheidend wird sein, wie deutlich Infineon die bisherige Umsatzprognose von mehr als 2,5 Milliarden Euro für 2027 im November anhebt und wie schnell die Produktionskapazitäten für KI-Leistungshalbleiter ausgebaut werden können. Dabei spielt auch das neue Werk in Dresden eine wichtige Rolle. Gleichzeitig müssen Anleger beobachten, ob die Margen trotz höherer Rohstoff-, Logistik- und Investitionskosten steigen und sich die hohen Investitionen zunehmend in einem stärkeren freien Cashflow niederschlagen. Im klassischen Geschäft bleibt entscheidend, ob sich die Erholung im Automobilsektor fortsetzt und wie stark der zunehmende Wettbewerb aus China Preise und Margen belastet. Am Ende dürfte vor allem zählen, ob die Gewinnerwartungen schnell genug steigen, um die bereits hohen Erwartungen an das KI-Geschäft zu rechtfertigen.

KI-Wachstum trifft hohe Erwartungen

Infineon steht an einem spannenden Wendepunkt. Das Autogeschäft stabilisiert sich, während KI-Leistungshalbleiter zum neuen Wachstumsmotor werden. Gleichzeitig sind die Erwartungen und die Bewertung bereits hoch. Entscheidend wird sein, ob das KI-Wachstum künftig auch Margen, Cashflow und Gewinne stärker antreibt. Charttechnisch gibt es erste Stabilisierungssignale, für eine nachhaltige Trendwende müssen jedoch noch wichtige Widerstände überwunden werden.

 

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