Kurs halbiert: Der Rheinmetall-Check nach dem Großauftrag-Aus 

Rheinmetall verliert einen wichtigen Großauftrag des Bundesverteidigungsministeriums unter Boris Pistorius. Die Aktie bricht daraufhin zeitweise um bis zu 19 Prozent ein. Der Kursrutsch ist dabei weniger ein Zeichen für sinkende Verteidigungsausgaben als vielmehr eine Neubewertung politischer Risiken, der Auftragslage und des zunehmenden Wettbewerbs im Rüstungssektor.

Ein Vertrauensschock

Deutschland hat den Kauf von sechs F126-Fregatten gestrichen. Für Rheinmetall bedeutet das den Verlust eines Auftrags im Volumen von rund 12 Milliarden Euro. Stattdessen soll der Konkurrent TKMS die Schiffe liefern. Die Nachricht löste einen Ausverkauf aus und drückte die Rheinmetall-Aktie zeitweise um bis zu 19 Prozent ins Minus. Für viele Anleger ist das nicht nur ein verlorener Auftrag, sondern ein Vertrauensschock. Der Markt hatte fest damit gerechnet, dass der Deal noch vor der Sommerpause abgesegnet wird. Die heftige Kursreaktion zeigt, dass Investoren politische Risiken wieder deutlich stärker einpreisen. Selbst bei steigenden Verteidigungsausgaben landet nicht jeder Großauftrag automatisch bei Rheinmetall. Das eigentliche Problem ist die Planbarkeit. Ein als sicher geltender Auftrag wurde überraschend gestoppt. Analysten sprechen deshalb von einem Vertrauensverlust in die deutsche Beschaffungspolitik. Die Unsicherheit über zukünftige Aufträge steigt. Für Investoren lautet die entscheidende Frage daher nicht, ob Europa mehr Geld für Verteidigung ausgibt, sondern welche Unternehmen die Aufträge tatsächlich erhalten.

TKMS gewinnt Auftrag

Die Gründe für den Projektabbruch lagen vor allem in massiven Verzögerungen, steigenden Kosten und rechtlichen Risiken. Das ursprünglich federführende niederländische Unternehmen Damen konnte die vereinbarten Zeit- und Kostenpläne nicht einhalten. Die erste Fregatte wäre voraussichtlich erst 2031 oder 2032 statt wie geplant 2028 ausgeliefert worden. Gleichzeitig rechnete das Verteidigungsministerium bei einer Fortführung des Projekts mit Gesamtkosten von mehr als 18 Milliarden Euro. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits rund 2,3 Milliarden Euro investiert worden. Zwar wurde ein Wechsel des Generalunternehmers zu Naval Vessels Lürssen (NVL), das inzwischen zu Rheinmetall gehört, geprüft. Das Ministerium kam jedoch zu dem Schluss, dass ein solcher Schritt mit erheblichen finanziellen, vertraglichen und rechtlichen Risiken verbunden wäre. Während Rheinmetall unter Druck geriet, wurde TKMS zum Gewinner des Tages. Die Aktie legte zeitweise um bis zu 13 Prozent zu. Der ursprüngliche Großauftrag wurde nicht einfach eins zu eins umgeleitet. Stattdessen handelt es sich um ein neues Rüstungsprojekt mit anderen Schiffen, das nun an TKMS vergeben werden soll. Das Geld verschwindet also nicht aus dem Verteidigungssektor, sondern wird neu verteilt.

Kritischer Blick auf den Auftrag

Trotzdem ist der europäische Rüstungsboom keineswegs vorbei. Die Nachricht zeigt vielmehr, dass Rheinmetall nicht automatisch der größte Profiteur steigender Verteidigungsausgaben bleibt. Die Aktie hat im Jahr 2026 bereits rund 40 Prozent verloren. Rund 28 Milliarden Euro Börsenwert wurden vernichtet. Schwächere Quartalszahlen und die hohen Erwartungen der vergangenen Jahre belasteten zusätzlich. Kurzfristig ist der verlorene Auftrag klar negativ. Rheinmetall verliert einen potenziellen Milliardenauftrag, das Vertrauen der Anleger wurde erschüttert und die Visibilität für zukünftiges Wachstum sinkt. Langfristig könnte die Situation jedoch weniger dramatisch sein, als der Kurssturz vermuten lässt. Das Projekt galt als verspätet, teuer und rechtlich riskant. Für Rheinmetall hätten daraus hohe Vorleistungen, lange Projektlaufzeiten und potenzielle Margenrisiken entstehen können. Nicht jeder Milliardenauftrag ist automatisch ein guter Auftrag.

Auftragsbestand von 73 Milliarden Euro

Die eigentliche Stärke von Rheinmetall liegt weiterhin in den Bereichen Munition, Panzer, Luftverteidigung, Militärfahrzeuge und militärische Digitalisierung. Genau in diesen Bereichen fließt derzeit ein Großteil der europäischen Verteidigungsausgaben. Zudem bleibt die Auftragslage robust. Der Auftragsbestand liegt weiterhin bei mehr als 73 Milliarden Euro. Erst am 23. Juni 2026 erhielt Rheinmetall einen Auftrag zur Lieferung von 23 neuen Bergepanzern 3 „Büffel“. Auch zahlreiche Beschaffungsprogramme der Bundeswehr und anderer NATO-Staaten sorgen weiterhin für Nachfrage. Zusätzliche Impulse könnten aus der Kooperation mit General Atomics zur Modernisierung von NATO-Artilleriesystemen kommen. Gleichzeitig findet innerhalb des Verteidigungssektors eine Sektorrotation statt. Anleger bevorzugen zunehmend Drohnenhersteller, Luftverteidigung und elektronische Kriegsführung, während klassische Landverteidigung etwas an Aufmerksamkeit verliert. Für Anleger bleibt deshalb vor allem der Auftragseingang entscheidend. Wichtiger als politische Ankündigungen sind konkrete Vertragsabschlüsse, neue Bestellungen und Auslieferungspläne. Besonders genau wird der Markt auf den Auftragsbestand achten. Bleibt der Backlog stabil? Können neue Projekte den verlorenen Auftrag kompensieren? Ebenso wichtig werden die Gewinnschätzungen der Analysten. Nach dem verlorenen Großauftrag dürften viele Experten ihre Umsatz- und Gewinnprognosen überprüfen.

Branchenvergleich

Durch den jüngsten Kursrutsch ist das Forward-KGV von Rheinmetall auf rund 23 gefallen. Im vergangenen Jahr wurde die Aktie zeitweise mit dem Zwei- bis Dreifachen dieses Niveaus bewertet. Zum Vergleich: BAE Systems kommt aktuell auf ein Forward-KGV von 21, Leonardo auf 19. Auch operativ bleibt Rheinmetall führend. Die LTM-EBIT-Marge liegt bei 16,6 Prozent und damit deutlich über BAE Systems (9,7 Prozent) sowie Leonardo (9,9 Prozent). Besonders auffällig ist das erwartete Gewinnwachstum. Analysten rechnen bei Rheinmetall mit einem durchschnittlichen EBITDA-Wachstum von 43,9 Prozent pro Jahr in den kommenden zwei Jahren. Zum Vergleich: BAE Systems kommt auf 6,7 Prozent, Leonardo auf 15,6 Prozent. Ein so hoher Forward-EBITDA-CAGR zeigt, dass der Markt mit einem außergewöhnlich starken operativen Gewinnwachstum rechnet. Allerdings sind hohe Wachstumserwartungen keine Garantie für steigende Kurse. Sind die Erwartungen bereits sehr hoch, können selbst gute Quartalszahlen enttäuschen oder einzelne verlorene Großaufträge – wie zuletzt – deutliche Kursreaktionen auslösen. Entscheidend ist deshalb nicht nur das erwartete Gewinnwachstum, sondern ob Rheinmetall die hohen Erwartungen der Anleger auch erfüllen oder sogar übertreffen kann.

Kurs hat sich mehr als halbiert

Die Rheinmetall-Aktie ist seit Wochenbeginn um rund 21 Prozent eingebrochen und notiert am Donnerstagmorgen bei etwa 950 Euro. Damit beträgt der Verlust gegenüber dem Rekordhoch von 2.004 Euro, das im September erreicht wurde, bereits rund 53 Prozent. Charttechnisch hat sich in den vergangenen Monaten ein klarer Abwärtstrend etabliert. Tiefere Hochs und tiefere Tiefs sowie ein Kurs unterhalb der 20-Wochen-Linie sprechen für ein stark angeschlagenes Chartbild. In dieser Woche testet die Aktie ein Fair Value Gap aus dem Februar 2025 zwischen 1.010 und 1.075 Euro. Da der Kurs aktuell unterhalb dieser Zone notiert, steigt das Risiko, dass die nächste Zone zwischen 773 und 858 Euro angesteuert wird. Gegenüber dem Rekordhoch würde das einem Kursverlust von mehr als 60 Prozent entsprechen. Eine Rückkehr über die untere Begrenzung des ersten Fair Value Gaps könnte das Chartbild kurzfristig stabilisieren. Für eine nachhaltige Trendwende müsste die Aktie jedoch zunächst das Hoch bei 1.304 Euro zurückerobern. Dort begann die letzte größere Verkaufswelle. Direkt darüber verläuft die 20-Wochen-Linie bei 1.336 Euro. Diese beiden Marken bilden derzeit die wichtigste Widerstandszone. Solange sie nicht überwunden wird, könnten kurzfristige Erholungen weiterhin auf Verkaufsdruck treffen.

Rheinmetall, Wochenchart. Quelle: eToro

Langfristige Story intakt

Der Kursrutsch ist kurzfristig ein schwerer Rückschlag für Rheinmetall, stellt die langfristige Investmentstory jedoch nicht grundsätzlich infrage. Entscheidend wird sein, ob das Unternehmen den verlorenen Auftrag durch neue Großprojekte kompensieren und das hohe erwartete Gewinnwachstum bestätigen kann. Bis dahin dürften politische Entscheidungen, der Auftragseingang und die Charttechnik die Aktie weiterhin stark bewegen.

 

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