Palantir hat abgeliefert – nicht nur mit starken Quartalszahlen, sondern auch mit einer erneuten Anhebung der Jahresziele. Die Aktie gewinnt seit Wochenbeginn mehr als 17 Prozent und macht damit einen Teil der Verluste der vergangenen Monate wett. Kurzfristig hat sich das Chartbild deutlich verbessert. Für eine nachhaltige Umkehr muss jedoch noch der entscheidende Widerstandsbereich überwunden werden. Diese Analyse beleuchtet aus fundamentaler und technischer Sicht, wie gut die Chancen auf einen Ausbruch stehen.
Messlatte wird erneut angehoben
Palantir hat im zweiten Quartal auf ganzer Linie überzeugt. Der Umsatz stieg im Jahresvergleich um 93 Prozent auf 1,94 Milliarden US-Dollar und lag damit deutlich über den Erwartungen von rund 1,80 Milliarden Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie kletterte von 13 auf 41 US-Cent und übertraf ebenfalls die Analystenschätzungen. Gleichzeitig erzielte das Unternehmen einen bereinigten freien Cashflow von 1,22 Milliarden US-Dollar, was einer hohen Marge von 63 Prozent entspricht. Auch das Geschäft läuft operativ auf Hochtouren. Im Quartal schloss Palantir 220 Verträge mit einem Volumen von jeweils mehr als einer Million US-Dollar ab, darunter 70 Großaufträge im Wert von über 10 Millionen Dollar. Entsprechend hob das Management sowohl die Umsatzprognose als auch die Prognose für das bereinigte operative Ergebnis deutlich an.
Besonders dynamisch entwickelt sich das US-Geschäft. Die kommerziellen Umsätze stiegen im zweiten Quartal um 149 Prozent auf 764 Millionen US-Dollar und übertrafen die Erwartungen. Gleichzeitig legte auch das US-Regierungs- und Militärgeschäft, angetrieben durch die geopolitischen Spannungen, um 90 Prozent auf 809 Millionen US-Dollar zu. CEO Alex Karp bezeichnete die Nachfrage nach der Software als „otherworldly“.
Immer deutlicher zeigt sich, dass der private Unternehmenssektor zum wichtigsten Wachstumstreiber von Palantir wird. Palantir entwickelt sich zunehmend von einem klassischen Verteidigungsunternehmen zu einer KI-Softwareplattform. Anders als viele Wettbewerber entwickelt Palantir keine führenden großen Sprachmodelle, sondern integriert unterschiedliche KI-Modelle in die Daten- und Prozesslandschaft seiner Kunden. Je mehr Unternehmen künstliche Intelligenz einsetzen, desto größer wird damit auch der potenzielle Markt für Palantir.
Ein Schwachpunkt bleibt Europa. Während das Geschäft in den USA boomt, wuchs der internationale Umsatz lediglich um 33 Prozent. Hinzu kommt, dass einzelne Behörden in Frankreich und Großbritannien ihre Zusammenarbeit mit Palantir beendet oder reduziert haben. Die hohe Abhängigkeit vom US-Markt bleibt damit ein Risiko. Trotz höherer Investitionen in Personal und Marketing bleibt die Profitabilität außergewöhnlich hoch. Die bereinigte Bruttomarge lag im zweiten Quartal bei 86 Prozent. Das unterstreicht die hohe Ertragskraft des Geschäftsmodells.
Zu teuer oder einfach zu gut?
Klassische Value-Investoren dürften bei Palantirs Bewertung weiterhin die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Das Forward-KGV liegt bei 72. Zum Vergleich: Nvidia kommt auf 21, Apple auf 33. Ebenfalls extrem fällt der Blick auf das Forward-EV/Sales-Multiple aus. Anleger zahlen derzeit das 31-Fache des erwarteten Jahresumsatzes. Historisch konnten nur wenige Unternehmen eine derart hohe Bewertung rechtfertigen. Selbst der KI-Marktführer Nvidia gilt hier nur bedingt als Vergleich. Während sich Nvidias optisch teure Bewertung durch eine explosionsartige Umsatz- und Gewinnvervielfachung im Hardware-Boom rasant relativierte, muss Palantir diese fundamentale Erleichterung als Software-Anbieter erst noch durch jahrelanges, fehlerfreies Wachstum beweisen.
Nach klassischen Bewertungsmaßstäben wirkt Palantir damit massiv überbewertet. Gleichzeitig entwickelt sich das Unternehmen derzeit ähnlich dynamisch wie Nvidia im Hardware-Bereich. Das operative Wachstum ist so außergewöhnlich, dass Anleger bereit sind, einen erheblichen Bewertungsaufschlag zu zahlen. Palantir hat sich eine starke Position bei der Monetarisierung von Enterprise-KI erarbeitet und profitiert davon zunehmend. Die hohe Bewertung hat allerdings ihren Preis. Für operative Enttäuschungen bleibt praktisch kein Spielraum. Schon eine leichte Abschwächung des US-Wachstums könnte aufgrund der hohen Bewertungsmultiplikatoren einen deutlichen Kursrücksetzer auslösen.
Allerdings relativiert sich das Bewertungsrisiko mit jedem weiteren Umsatzsprung. Für das Gesamtjahr wird ein Umsatzwachstum von mehr als 80 Prozent auf rund 8,15 Milliarden US-Dollar erwartet. Wächst der Umsatz schneller als der Unternehmenswert, dürfte das Forward-EV/Sales-Multiple sinken und die heute hohe Bewertung schrittweise relativieren. Hinzu kommt eine außergewöhnlich starke Bilanz. Selbst bei kurzfristigen Marktkorrekturen im KI-Sektor dürfte sich das operative Wachstum als resilient erweisen. Palantir agiert bereits hochprofitabel und könnte die weitere Expansion vollständig aus dem eigenen freien Cashflow finanzieren, absolut unabhängig von restriktiven Kreditmärkten.
Jetzt kommt der entscheidende Widerstand
Die Palantir-Aktie notiert am Dienstag vorbörslich nach den starken Quartalszahlen vom Vorabend rund 18 Prozent höher bei 145 US-Dollar und erreicht damit den höchsten Stand seit Anfang Juni. Positiv ist vor allem die Rückkehr über die 20-Wochen-Linie. An diesem gleitenden Durchschnitt war die Aktie in den vergangenen Monaten trotz mehrerer Anläufe immer wieder gescheitert. Entscheidend wird nun sein, ob sie auch auf Wochenschlusskursbasis zurückerobert werden kann. Trotz der kräftigen Erholung bleibt mittelfristig noch eine Abwärtstrendstruktur mit tieferen Hochs und tieferen Tiefs bestehen. Um diese zu beenden, muss der Widerstandsbereich um 161 US-Dollar überwunden werden. Dort scheiterten die Käufer in den vergangenen Monaten bereits zweimal. Erst ein Ausbruch darüber würde den Weg in Richtung Rekordhoch wieder öffnen. Prallt die Aktie erneut am Widerstand ab oder dreht bereits vorher nach unten, könnte der Verkaufsdruck schnell zurückkehren. Sollte das Juni-Tief bei 106 US-Dollar nicht halten, rückt die nächste Unterstützungszone im Bereich von 89 US-Dollar in den Fokus.

Palantir, Wochenchart. Quelle: eToro
Worauf sollten Anleger achten?
Für Anleger richtet sich der Blick in den kommenden Quartalen vor allem auf das US-Kommerzgeschäft. Es gilt an der Wall Street als der wichtigste Gradmesser für die weitere Wachstumsstory von Palantir. Während das Regierungsgeschäft häufig von langen Beschaffungszyklen und politischen Entscheidungen geprägt ist, bietet der private Unternehmenssektor deutlich größeres Skalierungspotenzial. Entsprechend hängt ein großer Teil der Investmentstory inzwischen am Wachstum der US-Unternehmenskunden. Ein wesentlicher Treiber dieser Entwicklung sind die sogenannten AIP Bootcamps. Palantir hat seinen Vertrieb in den vergangenen Jahren grundlegend umgestellt, nachdem das Unternehmen lange den Ruf hatte, nur mit großem Beratungsaufwand implementiert werden zu können. Heute dienen die Bootcamps dazu, potenzielle Kunden innerhalb kurzer Zeit von konkreten KI-Anwendungen zu überzeugen.
Entscheidend wird deshalb sein, ob das außergewöhnlich hohe Wachstum im US-Kommerzgeschäft anhält. Ebenso genau dürfte verfolgt werden, ob die angehobene Prognose erneut übertroffen werden kann, wie sich das internationale Geschäft entwickelt und ob die hohe Abhängigkeit vom US-Markt allmählich sinkt. Gleichzeitig wird der Markt darauf achten, ob die außergewöhnlich hohen Margen trotz steigender Investitionen stabil bleiben und wie sich das Regierungsgeschäft entwickelt. Besondere Aufmerksamkeit dürfte zudem den Aussagen des Managements zur Konversionsrate der AIP Bootcamps gelten. Bleibt die Umwandlung von Testprojekten in langfristige Kundenverträge hoch, dürfte der Wachstumsmotor intakt bleiben. Lässt sie dagegen nach, könnte sich das Wachstum im US-Unternehmensgeschäft deutlich abschwächen.
Fazit
Palantir hat gezeigt, dass sich KI bereits heute erfolgreich monetarisieren lässt. Das außergewöhnlich starke Wachstum rechtfertigt derzeit einen Teil der hohen Bewertung, lässt jedoch kaum Raum für Enttäuschungen. Entscheidend wird in den kommenden Quartalen sein, ob das US-Kommerzgeschäft sein Tempo hält und die hohen Erwartungen der Anleger erneut übertreffen kann.
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