Mercedes-Benz überrascht positiv: Reicht das für die Trendwende? 

Bessere Quartalszahlen als erwartet sorgen bei Mercedes-Benz zunächst für Erleichterung. Die Ergebnisse zeigen, dass die Sparmaßnahmen wirken und die Profitabilität stützen. Für eine nachhaltige Neubewertung der Aktie reicht Kostendisziplin allein jedoch nicht aus. China bleibt der größte Risikofaktor. Die Aktie erholt sich zwar kurzfristig, befindet sich langfristig aber weiterhin im Abwärtstrend. Ob daraus eine nachhaltige Trendwende entsteht, muss sich erst noch zeigen. Darauf kommt es jetzt an.

Q2-Zahlen besser als erwartet

Insgesamt fällt das 2. Quartal besser aus als erwartet. Vor allem konsequente Kostensenkungen und höhere Effizienz haben das Ergebnis gestützt. Während der Konzerngewinn zulegte, belastete das schwache China-Geschäft weiterhin die operative Entwicklung. Umsatz und Fahrzeugabsatz gingen zurück, gleichzeitig senkte Mercedes-Benz die Prognose für Umsatz und Auslieferungen im Gesamtjahr. Der Konzerngewinn stieg um 13,5 Prozent auf rund 1,09 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis legte um 21,5 Prozent auf rund 1,55 Milliarden Euro zu. Der Umsatz sank dagegen um 3,3 Prozent auf etwas mehr als 32 Milliarden Euro. Der Fahrzeugabsatz bei Pkw und Vans ging um 6 Prozent auf rund 512.000 Einheiten zurück. China bleibt der größte Belastungsfaktor. Die Verkäufe brachen deutlich ein. In der Kernsparte Mercedes-Benz Cars sank der operative Gewinn um 26 Prozent, die Marge fiel auf 4,0 Prozent und lag damit dennoch leicht über den Erwartungen der Analysten.

Stabilisierend wirkten vor allem das robuste Van-Geschäft, die starke Entwicklung der Finanzdienstleistungen sowie das laufende Sparprogramm. Gleichzeitig erwartet Mercedes-Benz einen höheren Anteil elektrifizierter Fahrzeuge als bislang. Die Jahresprognose für Umsatz und Fahrzeugabsatz wurde zwar gesenkt, die Margenprognose von 3 bis 5 Prozent für das Pkw-Geschäft bestätigte das Management jedoch. Das zeigt, dass Mercedes-Benz die Kosten weiterhin im Griff hat, auch wenn sich das Marktumfeld verschlechtert. Kurzfristig sorgen die besser als erwarteten Zahlen für Erleichterung. Die Aktie legt nach der Veröffentlichung deutlich zu. Der Kursanstieg deutet darauf hin, dass viele negative Erwartungen bereits eingepreist waren. Langfristig bleibt China jedoch der entscheidende Risikofaktor. Zukünftig dürfte der Markt weniger auf weitere Sparmaßnahmen und stärker auf eine Erholung der Nachfrage achten.

Erholung im Abwärtstrend

Die Mercedes-Benz-Aktie legte am Dienstag nach den Quartalszahlen zu Sitzungsbeginn zeitweise um mehr als 4 Prozent auf 48,00 Euro zu und erreichte damit den höchsten Stand seit einem Monat. Bereits im weiteren Handelsverlauf setzten jedoch Gewinnmitnahmen ein, die den Kurs bis zum Sitzungsende wieder auf rund 46,35 Euro drückten. Nach dem rund 16-prozentigen Ausverkauf im Juni bewegte sich die Aktie im Juli überwiegend seitwärts. Das bisherige Tief wurde Ende Juni bei 42,60 Euro markiert. Aus charttechnischer Sicht bleibt der langfristige Abwärtstrend weiterhin intakt. Er besteht seit dem Hoch aus dem Jahr 2021 und wird durch eine Folge tieferer Hochs und tieferer Tiefs bestätigt (siehe Chart). Die jüngste Abwärtsbewegung begann an den Hochs bei 49,40 beziehungsweise 53,17 Euro.

Für eine Aufhellung des Chartbilds wäre zunächst eine Rückkehr über die 20-Wochen-Linie erforderlich. Diese Hürde wurde in den vergangenen Monaten zwar mehrfach getestet, bislang scheiterten die Käufer jedoch jedes Mal. Anschließend müssten auch die zuletzt markierten Zwischenhochs (49,40 und 53,17 Euro) überwunden werden, um zumindest die Abwärtstrendstruktur der vergangenen Monate zu beenden. Erst ein Ausbruch über das Double-Top im Bereich von 62 Euro würde den langfristigen Abwärtstrend beenden. Dann könnte sich weiteres Potenzial in Richtung 75 Euro und später 90 Euro eröffnen. Solange zumindest die kurzfristigen Widerstände nicht überwunden werden, bleibt das Risiko eines erneuten Tests des Juni-Tiefs hoch. Fällt die Aktie darunter, würde sich der Abwärtstrend bestätigen. Mögliche Kursziele liegen dann bei 40,50 Euro, 37,20 Euro und 34,15 Euro.

Mercedes-Benz, Wochenchart. Quelle: eToro

Worauf sollten Anleger achten?

Ein zentrales Thema bleibt China. Anleger werden genau darauf achten, ob sich das Geschäft stabilisiert und wie sich der Preisdruck entwickelt. Einheimische Hersteller drängen mit massiven Rabatten zunehmend auch in das Premiumsegment und verschärfen den Wettbewerb. Ebenso wichtig bleibt die Entwicklung der Margen. Kostensenkungen sind weiterhin entscheidend. Ohne zusätzliche Einsparungen dürfte es schwierig werden, die prognostizierte Pkw-Marge von 3 bis 5 Prozent zu halten. Finanzchef Harald Wilhelm warnte bereits, dass der höhere Anteil teurer Elektrofahrzeuge in Europa die Profitabilität im zweiten Halbjahr zusätzlich belasten könnte. Im Fokus steht außerdem die Jahresprognose. Kann Mercedes die gesenkten Ziele erreichen oder sogar übertreffen? Das Erreichen der Prognose erscheint realistisch, eine positive Überraschung dagegen eher unwahrscheinlich. Der Konzern hatte den Ausblick von einem Umsatz auf Vorjahresniveau auf leicht unter Vorjahresniveau gesenkt.

Auch geopolitische Risiken bleiben ein wichtiger Unsicherheitsfaktor. Der US-Kongress berät derzeit über den Connected Vehicle Security Act. Das Gesetz könnte vernetzte Fahrzeuge von Herstellern einschränken, die zu mehr als 15 Prozent in chinesischem Besitz sind. Da Geely und BAIC zusammen knapp 20 Prozent der Mercedes-Benz-Anteile halten, wäre der Konzern unmittelbar betroffen. Mercedes reagiert bereits darauf. CEO Ola Källenius baut die Produktion im US-Werk Tuscaloosa in Alabama mit Investitionen von mehr als 7 Milliarden US-Dollar bis 2030 deutlich aus. Damit will der Konzern mögliche US-Zölle umgehen und sich gleichzeitig regulatorisch besser absichern.

Ein weiterer Faktor bleibt der Ölpreis. Der Brent-Ölpreis ist in dieser Woche zweistellig auf rund 84 US-Dollar gefallen, nachdem sich die Lage im Nahen Osten zumindest kurzfristig entspannt hat. Niedrigere Energiepreise entlasten die Lieferketten und senken die Produktionskosten. Gleichzeitig stärken sie die Kaufkraft der Verbraucher und unterstützen damit den Absatz margenstarker Verbrenner- und Hybridmodelle. Entscheidend wird sein, ob es eine nachhaltige Lösung des Konflikts gibt. Mit den Quartalszahlen von BMW am Donnerstag steht der nächste Härtetest für die deutsche Autoindustrie bevor. Zwar dürfte BMW ähnliche Trends wie Mercedes-Benz zeigen, gleichzeitig aber weitere Einblicke geben, wie der Konzern mit den aktuellen Herausforderungen umgeht.

Bewertungsvergleich

Alle drei großen deutschen Autohersteller werden derzeit mit niedrigen Bewertungen gehandelt. Volkswagen weist mit einem Forward-KGV von 3,4 die mit Abstand niedrigste Bewertung auf. Mercedes-Benz kommt auf 7,5, BMW auf 8,4. Damit liegen alle drei deutlich unter dem Bewertungsniveau des Gesamtmarktes. Operativ präsentiert sich jedoch ein anderes Bild. BMW erzielt aktuell mit einer LTM-EBIT-Marge von 6,7 Prozent die höchste Profitabilität, knapp vor Mercedes-Benz mit 6,0 Prozent. Volkswagen liegt mit 4,2 Prozent deutlich dahinter.

Die Analysten sehen bei allen drei Aktien weiteres Potenzial. Für Volkswagen liegt das durchschnittliche Kursziel rund 44 Prozent über dem aktuellen Kurs. Mercedes-Benz und BMW kommen auf ein Aufwärtspotenzial von rund 25 beziehungsweise 24 Prozent. Die niedrigen Bewertungen spiegeln vor allem die Unsicherheit rund um China, den intensiven Preiskampf, geopolitische Risiken und die Transformation zur Elektromobilität wider. Volkswagen wirkt auf den ersten Blick besonders “günstig”. Die vergleichsweise niedrige Marge zeigt, dass der Markt die operativen Herausforderungen deutlich kritischer einschätzt.

Das sehr niedrige Forward-KGV von Volkswagen ist deshalb kein automatisches Schnäppchensignal. Vielmehr spiegelt es die tiefen Sorgen der Anleger über die strukturellen Probleme des Konzerns wider. Hinter der niedrigen Bewertung stehen mehrere fundamentale Risiken. Für Anleger gilt daher: Eine niedrige Bewertung allein macht eine Aktie noch nicht attraktiv. Entscheidend wird sein, ob sich die Fundamentaldaten in der zweiten Jahreshälfte tatsächlich verbessern.

Fazit

Mercedes-Benz hat im 2. Quartal gezeigt, dass konsequente Kostendisziplin die Gewinne stützen kann. Für eine nachhaltige Neubewertung der Aktie dürfte das allein jedoch nicht ausreichen. Entscheidend wird sein, ob sich das China-Geschäft stabilisiert und die neuen Modelle in der zweiten Jahreshälfte wieder für Wachstum sorgen.

 

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