Der Goldpreis ist seit seinem historischen Rekordhoch von knapp 5.600 US-Dollar im Januar 2026 kräftig unter Druck geraten. Seit seinem Rekordhoch im Januar hat Gold rund 29 Prozent an Wert verloren. Am Mittwoch fiel der Preis zeitweise unter die psychologisch wichtige Marke von 4.000 US-Dollar je Feinunze und erreichte damit den tiefsten Stand seit November 2025.
Darum ist der Goldpreis so stark gefallen
Für den starken Preisrückgang gibt es gleich mehrere Gründe. Eine entscheidende Rolle spielt die Geldpolitik. Nach dem kriegsbedingten Ölpreisschock stieg die Inflation in den USA deutlich an. Der Verbraucherpreisindex legte im Mai um 4,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Statt der von US-Präsident Donald Trump geforderten Zinssenkungen hat die Fed unter ihrem neuen Vorsitzenden Kevin Warsh inzwischen sogar die Tür für mögliche Zinserhöhungen geöffnet. Eine Anhebung um 25 Basispunkte wird für September aktuell mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 50 Prozent eingepreist. Dadurch steigen die Opportunitätskosten. Da Gold weder Zinsen noch Dividenden abwirft, verliert es gegenüber verzinsten US-Staatsanleihen an Attraktivität. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt derzeit bei 4,46 Prozent.
Hinzu kommt der starke US-Dollar. Da Gold weltweit in Dollar gehandelt wird, verteuert ein fester Greenback den Kauf für Investoren außerhalb der USA. Der Dollar notiert durch die restriktive Fed-Politik auf dem höchsten Stand seit Mai 2025 und belastet damit zusätzlich die Goldnachfrage. Auch die geopolitische Lage hat sich verändert. Das Rekordhoch im Februar wurde maßgeblich durch die Eskalation zwischen den USA und dem Iran getrieben. Seit Mitte Juni sorgten ein Rahmenabkommen und neue Verhandlungen jedoch für eine Entspannung. Mit dem Rückgang der geopolitischen Risiken verlor Gold einen Teil seiner Funktion als sicherer Hafen.
Hinzu kamen technische Faktoren. Während der Marktverwerfungen infolge des Energiepreisschocks verkauften einige Investoren Gold, um Liquidität zu schaffen und Margin Calls zu bedienen. Da Gold zuvor stark gestiegen war, gehörte es zu den wenigen Anlageklassen mit hohen Buchgewinnen. Im März verzeichneten physisch besicherte Gold-ETFs mit rund 12 Milliarden US-Dollar die größten monatlichen Abflüsse nach Dollarwert seit Beginn der Erfassung. Die Verkäufe konzentrierten sich dabei vor allem auf Nordamerika. Nicht zuletzt war Gold nach dem Anstieg von rund 65 Prozent im Jahr 2025 schlicht überkauft. Zusätzlichen Verkaufsdruck könnten regelmäßige Anpassungen in rohstoffbasierten Indexfonds ausgelöst haben, da passive Anleger ihre Gewichtungen an die Indexvorgaben anpassen.
Gold vs. Silber
Silber hat langfristig eine erstaunlich ähnliche Rendite wie Gold erzielt, unterscheidet sich allerdings deutlich in der Volatilität. Seit dem Jahr 2000 kamen beide Edelmetalle auf eine durchschnittliche jährliche Rendite von rund 8 bis 9 Prozent. Silber verhält sich dabei oft wie ein „Goldpreis auf Steroiden“. In Bullenmärkten steigt es meist deutlich stärker, in Bärenmärkten fällt es jedoch auch wesentlich stärker. Der Chart zeigt die Entwicklung seit dem Sommer 2010. Gold legte in diesem Zeitraum um 224 Prozent zu, Silber um 201 Prozent. Während Gold aktuell rund 29 Prozent unter seinem Rekordhoch notiert, beträgt der Abstand bei Silber sogar 53 Prozent.

Gold und Silber (orange). Quelle: eToro
Beide Edelmetalle reagieren auf ähnliche makroökonomische Faktoren. Vor allem die Realzinsen und der US-Dollar spielen eine zentrale Rolle. Fallen die Zinsen oder verliert der Dollar an Wert, profitieren in der Regel sowohl Gold als auch Silber. Ein wichtiger Gradmesser ist das Gold-Silber-Ratio, also das Verhältnis zwischen Gold- und Silberpreis. Langfristig bewegt es sich meist zwischen 40 und 90. Während der Corona-Panik im Jahr 2020 stieg es zeitweise auf über 120, bevor Silber in den folgenden Monaten deutlich aufholte. Ein ungewöhnlich hohes Ratio wird deshalb häufig als Hinweis auf eine relative Unterbewertung von Silber gewertet. Historisch folgten darauf oft kräftige Aufholbewegungen, ein verlässlicher Automatismus ist das allerdings nicht.

Gold-Silver-Ratio. Quelle: TradingView
Die entscheidenden Unterschiede für Ihr Portfolio
Der größte Unterschied liegt in der Marktstruktur. Silber besitzt eine deutlich geringere Marktkapitalisierung als Gold. Fließt Kapital in den Edelmetallsektor, reagiert Silber aufgrund des kleineren und weniger liquiden Marktes meist deutlich stärker. Steigt Gold, legt Silber häufig überproportional zu. In schwachen Marktphasen gilt das Gleiche in die andere Richtung. Noch wichtiger ist die unterschiedliche Nachfrage. Gold dient in erster Linie als Wertspeicher und profitiert vor allem von Geldpolitik, sinkenden Realzinsen, Krisen und Zentralbankkäufen. Silber ist dagegen wesentlich konjunkturabhängiger. Rund 55 bis 60 Prozent der Nachfrage stammen aus der Industrie, der Rest aus Investment- und Schmucknachfrage.
Silber wird unter anderem in der Solarindustrie, der Elektrifizierung, der Elektronik und künftig verstärkt auch in KI-Rechenzentren eingesetzt. In einer schweren Rezession kann Silber deshalb trotz steigender Goldpreise unter Druck geraten, weil die Industrienachfrage nachlässt. Hinzu kommt, dass der Goldmarkt um ein Vielfaches größer und liquider ist. Zwar liegt die langfristige Korrelation zwischen Gold und Silber bei etwa 0,75 bis 0,85, kurzfristig können sich beide Edelmetalle jedoch deutlich unterschiedlich entwickeln.
In Szenarien denken
In Szenarien zu denken ist für Anleger überlebenswichtig, weil die Finanzmärkte keine exakten Vorhersagen erlauben, sondern ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten sind. Wer sich auf nur eine einzige Marktmeinung festlegt, agiert blind und wird von unvorhergesehenen Ereignissen emotional und finanziell kalt erwischt. Die folgenden Szenarien sollen nur als Gedankenanregung dienen.
Szenario 1: Die Bodenbildung
Der Goldpreis stabilisiert sich nahe oder innerhalb wichtiger Unterstützungen. Entscheidend wäre dann, ob die Inflation in den USA wieder nachlässt und die Fed auf Zinserhöhungen verzichten kann. Gleichzeitig könnten die Zentralbanken, insbesondere aus den Schwellenländern, ihre strategischen Goldkäufe auf dem niedrigeren Kursniveau wieder aufnehmen. Silber könnte aufgrund seiner Hebelwirkung auf Gold überdurchschnittlich profitieren.
Szenario 2: Die “Higher-for-Longer”-Sackgasse
Der Goldpreis fällt weiter und durchbricht wichtige Unterstützungen. Die fragile Waffenruhe im Nahen Osten hält wider Erwarten stand und die geopolitische Risikoprämie verschwindet weitgehend. Gleichzeitig zwingt eine anhaltend hohe Inflation die Fed zu Zinserhöhungen. Höhere Realzinsen und ein stärkerer US-Dollar erhöhen die Opportunitätskosten von Gold. Anhaltende Abflüsse aus Gold-ETFs könnten den Verkaufsdruck zusätzlich verstärken. Höhere Zinsen dürften die Konjunktur zunehmend bremsen und damit auch die Industrienachfrage belasten. Silber könnte Gold in einer solchen Marktphase underperformen.
Szenario 3: Das Eskalations-Comeback
Der Goldpreis startet eine kräftige Gegenbewegung. Auslöser wäre ein Scheitern der Waffenruhe im Nahen Osten und ein Anstieg des Ölpreises auf über 100 US-Dollar je Barrel. Eine solche Entwicklung dürfte die geopolitischen Risiken wieder deutlich erhöhen und eine neue Welle der Risikoaversion an den Aktienmärkten auslösen. Silber könnte zunächst von der Goldrally profitieren. Ob es Gold dauerhaft outperformen kann, dürfte jedoch maßgeblich von den Konjunkturaussichten und der Industrienachfrage abhängen.
Anleger sollten die 200-Tage-Linie beobachten
Ob Gold seine Korrektur beendet oder weiter unter Druck gerät, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden. Anleger sollten dabei vor allem vier Faktoren im Blick behalten: die 200-Tage-Linie, die US-PCE-Inflationsdaten und die Kommunikation der Fed, die Mittelzuflüsse in Gold-ETFs sowie die Stabilität des Islamabad-Memorandums im Nahen Osten.
Aus charttechnischer Sicht verläuft die 200-Tage-Linie aktuell bei 4.340 US-Dollar und stellt einen wichtigen Widerstand dar. Auf der Unterseite liegt eine bedeutende Unterstützung am Tief aus dem Oktober 2025 bei 3.886 US-Dollar. Fällt auch diese Marke, rückt der Bereich zwischen 3.350 und 3.500 US-Dollar als nächste wichtige Unterstützungszone in den Fokus. Ob Gold von dort aus einen neuen Aufwärtstrend starten kann oder die Abwärtsbewegung weitergeht, dürfte von den genannten Faktoren abhängen. So oder so wird sich das Chartbild erst dann aufhellen, wenn der Goldpreis über den gleitenden Durchschnitt zurückkehrt.

Gold, Tageschart. Quelle: eToro
Vorbereitung schlägt Vorhersage
Niemand kann die nächste Marktbewegung sicher vorhersagen. Erfolgreiche Anleger reagieren deshalb auf neue Entwicklungen, statt sie vorhersehen zu wollen. Denn an der Börse zählen Wahrscheinlichkeiten und ein konsequentes Risikomanagement.
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