Kurz vor der anstehenden Fußballweltmeisterschaft in Nordamerika zieht die Adidas-Aktie kräftig an. Allein im Mai legte der Kurs bereits rund 15 Prozent zu – der stärkste monatliche Anstieg seit fast drei Jahren könnte damit in Reichweite sein. Hinter der Rally steckt jedoch deutlich mehr als nur die Vorfreude auf die WM und mögliche höhere Umsätze. Fundamental präsentiert sich Adidas aktuell so stark wie seit Jahren nicht mehr.
Der WM-Effekt
Adidas könnte vor dem größten WM-Effekt der Unternehmensgeschichte stehen. Fußballchef Sam Handy rechnet rund um die WM 2026 mit direkten Zusatzerlösen von über einer Milliarde Euro. Adidas stattet bei dem Turnier insgesamt 14 Nationalmannschaften aus, darunter Argentinien und Spanien, und liegt damit sogar vor Erzrivale Nike mit 12 Teams. Ausgerechnet im Kernmarkt von Nike eröffnet sich für Adidas damit die Chance, verlorene Marktanteile in Nordamerika zurückzugewinnen. Der WM-Effekt geht dabei weit über klassisches Marketing hinaus. Adidas nutzt Großereignisse gezielt, um das margenstarke Direct-to-Consumer-Geschäft über eigene Flagship-Stores und die eigene Online-Plattform weiter auszubauen. Während Sportartikelhersteller in normalen Quartalen häufig hohe Rabatte geben müssen, um Lagerbestände abzubauen, könnte der WM-Hype den Verkauf vieler Produkte zum vollen Preis ermöglichen. Da beim DTC-Geschäft keine Marge mit Zwischenhändlern geteilt werden muss, dürfte der Trikot-Boom im zweiten und dritten Quartal besonders stark auf das operative Ergebnis durchschlagen. Zusätzlich stärkt Adidas seine Marktpräsenz über strategische Partnerschaften. Erst zuletzt sorgte eine neue Kapselkollektion mit Deichmann für zusätzliche Dynamik im Mainstream-Segment. Während die WM-Produkte das Premium-Image stärken, kann das Volumengeschäft gleichzeitig stabile Einnahmen im Massenmarkt liefern.
Q1-Zahlen besser als erwartet
Auch operativ läuft es wieder deutlich besser. Im ersten Quartal stieg der währungsbereinigte Umsatz um 14 Prozent auf 6,6 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis lag bei 705 Millionen Euro, die operative Marge bei starken 10,7 Prozent. Besonders gefragt waren das Bekleidungssegment mit einem Wachstum von 31 Prozent sowie die margenstarken eigenen Verkaufskanäle. Dabei spielt Adidas aktuell auch der Produktmix in die Karten. Textilien lassen sich deutlich schneller skalieren als Schuhe und verursachen geringere Entwicklungskosten als komplexe Dämpfungstechnologien. Genau das stützt die Profitabilität zusätzlich. Weitere Fantasie liefert das Thema US-Importzölle. CEO Björn Gulden stellte zuletzt mögliche Rückerstattungen von bis zu 300 Millionen US-Dollar in Aussicht. Das würde zwar nicht direkt das operative Ergebnis verbessern, könnte aber den Nettogewinn und den freien Cashflow deutlich anschieben. Gleichzeitig hat Adidas ein Aktienrückkaufprogramm über bis zu eine Milliarde Euro für das Jahr 2026 gestartet. Dadurch sinkt die Zahl der ausstehenden Aktien, was den Gewinn pro Aktie zusätzlich stützen könnte.
Bewertung
Nike ist und bleibt der mit Abstand größte globale Konkurrent von Adidas. Doch aktuell verschiebt sich das Kräfteverhältnis spürbar zugunsten der Deutschen. Besonders auffällig ist die Bewertung. Adidas wird trotz der besseren Profitabilität deutlich niedriger gehandelt. Das Forward-KGV liegt bei Adidas aktuell bei rund 15,7, während Nike mit einem Forward-KGV von 27,5 fast doppelt so hoch bewertet wird. Dabei arbeitet Adidas operativ inzwischen sogar profitabler. Die operative Marge der vergangenen zwölf Monate liegt bei starken 8,5 Prozent, während Nike lediglich auf 6,7 Prozent kommt. Historisch war genau das Gegenteil der Fall. Die Börse zahlte bei Nike über Jahre einen deutlichen Premium-Aufschlag, weil das Unternehmen größer war und stabilere Margen erzielte. Inzwischen hat Adidas operativ jedoch aufgeholt und teilweise sogar die Nase vorn. Trotzdem wird die Aktie an der Börse weiterhin eher wie ein Sanierungsfall bewertet. Genau das macht Adidas fundamental aktuell so spannend.
Auch die kurzfristige Dynamik spricht derzeit eher für Adidas. Im Mai legte die Aktie rund 15 Prozent zu, während Nike lediglich etwa 5 Prozent gewann. Beide Aktien haben seit ihren Rekordhochs aus dem Jahr 2021 zwar massiv verloren, das Ausmaß unterscheidet sich jedoch deutlich. Nike liegt rund 72 Prozent unter dem Allzeithoch, Adidas etwa 48 Prozent. Bei den Analysten bleibt das Potenzial hoch. Die durchschnittlichen Kursziele der Wall Street liegen bei Adidas aktuell bei rund 197 Euro, was einem Potenzial von etwa 25 Prozent entspricht. Bei Nike liegt das durchschnittliche Kursziel bei rund 61 US-Dollar beziehungsweise rund 35 Prozent Potenzial. Trotzdem könnte Adidas derzeit das attraktivere Chance-Risiko-Profil bieten. Das Unternehmen wächst schneller, arbeitet profitabler und wird im Verhältnis zu den erwarteten Gewinnen deutlich niedriger bewertet als Nike. Während Nike noch immer mit den Folgen strategischer Fehlentscheidungen der vergangenen Jahre kämpft, scheint Adidas zunehmend von der neuen, agileren Führung zu profitieren.
Aktie erreicht Mehrmonatshoch
Die Adidas-Aktie sprang am Mittwoch um 6,4 Prozent auf fast 167 Euro und erreichte damit den höchsten Stand seit Januar. Damit knüpft die Aktie nahtlos an die starke Vorwoche an, in der bereits ein Plus von rund 6 Prozent verbucht wurde. Seit dem Tief im März hat sich der Kurs damit inzwischen um rund 28 Prozent erholt. Im Fokus stehen derzeit zwei wichtige Widerstände: der Wochenschlusskurs aus dem Februar bei 159 Euro sowie das Februar-Hoch bei 164 Euro. Beide Marken wurden inzwischen überschritten. Entscheidend wird nun allerdings, ob Adidas diesen Ausbruch auch per Wochenschlusskurs bestätigen kann. Genau von diesem Bereich aus hatte im Februar die letzte größere Abwärtswelle begonnen. Gelingt den Verkäufern hier keine Rückeroberung mehr, könnten sie auch mittelfristig die Kontrolle verlieren. Rein von der Trendstruktur würde sich damit zunehmend die Chance auf einen neuen Aufwärtstrend eröffnen.
Seit Februar 2025 war die Aktie zuvor in mehreren sauberen Abwärtswellen bis auf den tiefsten Stand seit Dezember 2022 gefallen. Käufer reagierten schließlich im Bereich des Fair Value Gaps zwischen 129 und 138 Euro und starteten dort die aktuelle Gegenbewegung. Sollte sich der Ausbruch bestätigen, könnten die nächsten charttechnischen Ziele auf der Oberseite die tieferen Hochs bei 196 Euro und 219 Euro sein. Kommt dagegen erneut Verkaufsdruck auf, dürfte vor allem die 20-Wochen-Linie bei rund 151 Euro wichtig werden. Fällt die Aktie darunter zurück, könnte das Fair Value Gap erneut getestet werden – inklusive des Risikos eines neuen tieferen Tiefs.

Adidas, Wochenchart. Quelle: eToro
Gute Kombination
Adidas profitiert aktuell von einer Kombination aus WM-Fantasie, operativer Verbesserung und attraktiver Bewertung. Das Unternehmen wächst schneller, arbeitet profitabler und gewinnt Marktanteile zurück, während Nike weiterhin mit strukturellen Problemen kämpft. Gelingt der charttechnische Ausbruch nachhaltig, könnte die Aktie vor einer neuen mittelfristigen Aufwärtsbewegung stehen. Trotz der starken Rally bleibt das Chance-Risiko-Profil aus fundamentaler Sicht derzeit attraktiv.
Diese Mitteilung dient ausschließlich zu Informations– und Bildungszwecken und darf nicht als Anlageberatung, persönliche Empfehlung oder als Angebot oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten verstanden werden. Dieses Material wurde ohne Berücksichtigung der spezifischen Anlageziele oder der finanziellen Situation eines bestimmten Empfängers erstellt. Es entspricht nicht den gesetzlichen und regulatorischen Anforderungen zur Förderung unabhängiger Analysen. Jegliche Hinweise auf die vergangene oder zukünftige Performance eines Finanzinstruments, Index oder eines Anlageprodukts sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Ergebnisse und dürfen daher nicht als solche betrachtet werden. eToro übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit oder Vollständigkeit des Inhalts dieser Veröffentlichung und schließt jegliche Haftung dafür aus.


