Die SaaS-Pokalypse im Frühjahr 2026 versetzte den gesamten Softwaresektor in Panik. Anleger fürchteten, dass KI-Tools etablierte Geschäftsmodelle angreifen oder teilweise ersetzen könnten. Auch SAP geriet massiv unter Druck. Gegenüber dem Rekordhoch aus dem Jahr 2025 hatte sich der Kurs zeitweise mehr als halbiert. Inzwischen hat sich das Bild deutlich aufgehellt. Die SAP-Aktie hat sich vom Juli-Tief um mehr als 40 Prozent erholt. Die Sorgen vor einer KI-Disruption haben nachgelassen, während der Markt zunehmend den strukturellen Schutzgraben von SAP erkennt.
Daten als Wettbewerbsvorteil
Das operative Geschäft gibt SAP Rückenwind. Der Gesamtumsatz stieg im zweiten Quartal um 9 Prozent auf 9,9 Milliarden Euro, der Cloud-Umsatz sogar um 22 Prozent auf 6,3 Milliarden Euro. Besonders stark entwickelte sich der Cloud-Backlog mit einem Plus von 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro. Damit ist ein wachsender Teil der künftigen Cloud-Umsätze bereits vertraglich gesichert.
Auch KI kommt längst im Neugeschäft an. In mehr als 90 Prozent der 50 größten Deals des vergangenen Quartals waren KI-Komponenten oder die SAP Business Data Cloud enthalten. SAP ist beim Thema KI zudem kein Neueinsteiger. Mit dem KI-Assistenten Joule hat das Unternehmen bereits 2023 eine eigene Lösung eingeführt und die Technologie seitdem immer tiefer in seine Produkte integriert.
Der eigentliche Vorteil liegt dabei weniger im Sprachmodell selbst. Entscheidend sind Daten, Unternehmenskontext und die Einbindung in bestehende Geschäftsprozesse. Genau hier kann SAP punkten. Finanzwesen, Lieferketten, Produktion, Personal und Vertrieb laufen bei vielen Unternehmen über SAP-Systeme. Allgemeine KI-Modelle kennen diesen internen Kontext nicht automatisch. Dieser Zugang zu Unternehmensdaten könnte für SAP im KI-Zeitalter zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil werden.
Cloud und KI verstärken sich dabei gegenseitig. Viele KI-Funktionen sind eng mit SAPs Cloud-Plattform verbunden und schaffen einen zusätzlichen Anreiz für Bestandskunden, ihre alten Systeme zu modernisieren. Genau darin liegt aber auch ein Risiko. Bleibt die Cloud-Migration zu teuer, komplex oder langsam, könnte sich auch die Monetarisierung der KI-Angebote verzögern.
Hohe Komplexität
Die ursprüngliche Sorge an der Börse war, dass KI klassische Unternehmenssoftware ersetzen könnte. Inzwischen setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass KI bestehende Unternehmenssoftware sogar wertvoller machen kann. Ein allgemeines Sprachmodell versteht zwar, wie Buchhaltung grundsätzlich funktioniert. Es kennt aber nicht automatisch die Rechnungen, Lieferanten, Lagerbestände, Zahlungsziele oder internen Regeln eines einzelnen Unternehmens. Genau dieser Kontext ist bei B2B-KI entscheidend. SAP muss deshalb nicht das beste Sprachmodell entwickeln. Viel wichtiger ist es, KI zuverlässig mit Unternehmensdaten und bestehenden Geschäftsprozessen zu verbinden.
Risiken im Überblick
Das größere Risiko liegt weniger darin, dass ein einzelnes KI-Modell SAP ersetzt, sondern in der Geschwindigkeit der Umsetzung. Ein erheblicher Teil der Kunden arbeitet noch mit älteren Systemen. Bleibt der Wechsel in die Cloud teuer, komplex oder langsam, könnte SAP sein KI-Angebot nur verzögert in zusätzliche Umsätze übersetzen. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck. Microsoft, AWS und andere Anbieter entwickeln eigene KI-Lösungen und versuchen, sich stärker in die Geschäftsprozesse der Unternehmen zu integrieren.
Entscheidend ist deshalb auch die Monetarisierung. Unternehmen investieren nicht mehr allein wegen des KI-Hypes, sondern erwarten messbare Produktivitätsgewinne. SAP muss zeigen, dass seine Lösungen tatsächlich Arbeitszeit sparen, Prozesse automatisieren oder Kosten senken. Erst dann wird aus technologischer Stärke auch wirtschaftlicher Mehrwert.
SAP im Branchenvergleich
Beim Forward-KGV liegt SAP bei 23,1. Oracle kommt auf 18,2, Microsoft auf 24,4, Workday auf 17,2, Salesforce auf 13,7 und ServiceNow auf 26,0. Der Durchschnitt der sechs Unternehmen liegt bei rund 20,4. SAP wird damit mit einem Aufschlag von rund 13 Prozent gegenüber dem Durchschnitt bewertet. Am teuersten ist ServiceNow mit 26,0, am günstigsten Salesforce mit 13,7.
Bei der LTM-EBIT-Marge schneidet SAP vergleichsweise stark ab. SAP erreicht 28,8 Prozent, Oracle 33,2 Prozent, Microsoft 46,8 Prozent, Workday 11,7 Prozent, Salesforce 21,9 Prozent und ServiceNow 12,4 Prozent. Der Durchschnitt liegt bei 25,8 Prozent. SAP liegt damit rund drei Prozentpunkte darüber. Microsoft weist mit 46,8 Prozent die höchste operative Marge auf, Workday mit 11,7 Prozent die niedrigste.
Für SAP bedeutet das vor allem: Die Aktie ist kein Schnäppchen, aber die höhere Bewertung trifft auf eine überdurchschnittliche Profitabilität. Interessant ist auch der Vergleich mit ServiceNow. ServiceNow besitzt mit 26,0 das höchste Forward-KGV, erreicht aber nur eine EBIT-Marge von 12,4 Prozent. Oracle wiederum ist mit einem Forward-KGV von 18,2 günstiger als SAP und mit einer EBIT-Marge von 33,2 Prozent profitabler.
F13-Bericht
Auch die Analysten bleiben mehrheitlich positiv. 21 von 28 Analysten, die SAP abdecken, empfehlen die Aktie zum Kauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei über 203 Euro und damit rund 13 Prozent über dem aktuellen Kurs. Allerdings können Analysten ihre Kursziele jederzeit an neue Entwicklungen anpassen.
Interessant ist zudem ein Blick auf die jüngsten 13F-Meldungen institutioneller Investoren. BlackRock kaufte rund 96.400 Aktien, Eagle Capital Management rund 792.000 Aktien. Hotchkis & Wiley Capital Management stockte seine Position sogar um rund 2,3 Millionen Aktien auf. Damit kommt auch von institutioneller Seite Unterstützung. Die Käufe allein sind zwar kein Beleg für weiteres Kurspotenzial, zeigen aber, dass einige große Investoren die jüngste Schwächephase zum Ausbau ihrer Positionen genutzt haben.
Chartbild hellt sich auf
Die SAP-Aktie steuert auf die nächste Gewinnwoche zu und notiert am Dienstagnachmittag bei über 183 Euro. Seit dem Juli-Tief hat sie damit bereits rund 43 Prozent zugelegt. Charttechnisch hat sich das Bild deutlich aufgehellt. Im Zuge der kräftigen Erholung gelang die Rückkehr über die 20-Wochen-Linie, an der die Aktie zuvor mehrfach gescheitert war. Zudem wurde das Hoch bei 173 Euro nachhaltig überwunden. Damit könnte der mittelfristige Abwärtstrend beendet sein und die Käufer wieder die Kontrolle übernommen haben.
Für eine Fortsetzung der Erholung müssen sie nun allerdings nachlegen. Die früheren tieferen Hochs der Abwärtsbewegung bilden mögliche Kursziele, können aber zugleich als Widerstände dienen. Wichtige Marken liegen bei 219 Euro, 243 Euro und 267 Euro. Darüber würde das Rekordhoch bei rund 283 Euro wieder in den Fokus rücken. Es gibt also noch einiges aufzuholen, allerdings dürfte dies eher in Etappen erfolgen.
Auf der Unterseite dienen zunächst das Ausbruchsniveau bei 173 Euro und die 20-Wochen-Linie als wichtige Unterstützungen. Deutlich darunter liegt das Juli-Tief bei 128 Euro. Sollte sich die Aktie wieder länger unter der 20-Wochen-Linie etablieren, könnte das Momentum erneut zugunsten der Verkäufer drehen. Aktuell haben jedoch die Käufer die besseren Karten.

SAP, Wochenchart. Quelle: eToro
Worauf Anleger achten sollten
Für Anleger wird entscheidend sein, ob SAP das hohe Wachstum im Cloud-Geschäft aufrechterhalten und die Migration bestehender Kunden weiter beschleunigen kann. Gleichzeitig muss sich zeigen, ob KI-Komponenten dauerhaft in neuen Verträgen verankert werden und sich Joule und andere KI-Funktionen zunehmend monetarisieren lassen.
Im Fokus stehen zudem die Entwicklung der Margen und der Wettbewerb mit Microsoft, AWS und anderen Anbietern. Nach der starken Kurserholung ist die Messlatte gestiegen. Entscheidend wird sein, ob Cloud-Wachstum, KI-Monetarisierung und steigende Profitabilität die höhere Bewertung nachhaltig rechtfertigen können.
SAP muss Stärken ausspielen
SAPs KI-Story steht an einem Wendepunkt. Der Zugang zu Unternehmensdaten und die tiefe Integration in Geschäftsprozesse verschaffen dem Konzern eine starke Ausgangsposition. Entscheidend ist nun die Umsetzung. SAP muss Cloud-Migration und KI-Einführung beschleunigen und daraus messbaren Kundennutzen sowie zusätzliche Umsätze und Gewinne erzeugen. Nach der starken Kurserholung müssen den technologischen Möglichkeiten zunehmend wirtschaftliche Ergebnisse folgen.
Diese Mitteilung dient ausschließlich zu Informations- und Bildungszwecken und darf nicht als Anlageberatung, persönliche Empfehlung oder als Angebot oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten verstanden werden. Dieses Material wurde ohne Berücksichtigung der spezifischen Anlageziele oder der finanziellen Situation eines bestimmten Empfängers erstellt. Es entspricht nicht den gesetzlichen und regulatorischen Anforderungen zur Förderung unabhängiger Analysen. Jegliche Hinweise auf die vergangene oder zukünftige Performance eines Finanzinstruments, Index oder eines Anlageprodukts sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Ergebnisse und dürfen daher nicht als solche betrachtet werden. eToro übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit oder Vollständigkeit des Inhalts dieser Veröffentlichung und schließt jegliche Haftung dafür aus.