Die Infineon-Aktie hat in den vergangenen fünf Jahren lediglich rund 21 Prozent zugelegt – für viele Anleger keine überzeugende Rendite. In den letzten sechs Monaten wurde jedoch bereits die gleiche Performance erzielt. Das deutet darauf hin, dass die Aktie mittelfristig deutlich an Momentum gewinnt. Zeitweise sprang der Kurs sogar auf den höchsten Stand seit dem Jahr 2000.
Die Quartalszahlen und der Ausblick vom heutigen Morgen untermauern diesen Eindruck. Zwar ist Infineon weiterhin stark vom Automobilgeschäft abhängig, doch der Konzern treibt den Umbau konsequent voran und positioniert sich zunehmend als KI-Infrastruktur-Player.
KI-Umsatz soll sich verzehnfachen
Infineon vollzieht einen strategischen Kurswechsel zugunsten von Künstlicher Intelligenz. Die Investitionen in KI-Rechenzentren werden gezielt erhöht. Für das laufende Geschäftsjahr plant der Konzern CapEx in Höhe von 2,7 Milliarden Euro, nach zuvor 2,2 Milliarden Euro. Der Umsatz aus Rechenzentren soll 2026 auf 1,5 Milliarden Euro steigen, was rund 10 Prozent des Konzernumsatzes entspräche. Für 2027 werden bereits 2,5 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. CEO Jochen Hanebeck spricht davon, dass sich der KI-Umsatz innerhalb von drei Jahren verzehnfachen soll.
Der Ausbau des KI-Geschäfts kommt zur richtigen Zeit. Das Automotive-Segment, das rund 50 Prozent des Umsatzes ausmacht, bleibt schwach, die Nachfrage erholt sich nur langsam. Die wachsende KI-Nachfrage hilft Infineon, durch diese Phase zu navigieren und die Abhängigkeit vom Autozyklus schrittweise zu reduzieren.
Markterwartungen übertroffen
Operativ fielen die jüngsten Zahlen besser als erwartet aus. Der Umsatz lag bei 3,66 Milliarden Euro (Erwartung 3,62 Milliarden Euro), die operative Marge erreichte 17,9 Prozent und übertraf ebenfalls die Prognosen. Für das laufende Quartal stellt Infineon rund 3,8 Milliarden Euro Umsatz sowie eine Marge im mittleren bis hohen zweistelligen Prozentbereich in Aussicht.
Zur weiteren Diversifikation übernimmt Infineon einen Teil des Sensor-Geschäfts von ams Osram für 570 Millionen Euro, finanziert über zusätzliche Schulden. Für 2026 wird ein Umsatzbeitrag von rund 230 Millionen Euro erwartet.
Unterschiedliche Ebenen der Wertschöpfung
Im KI-Ökosystem konkurriert Infineon nicht direkt mit Nvidia, AMD oder Intel. Während diese Rechenchips und Beschleuniger liefern, konzentriert sich Infineon auf Power-Halbleiter. Also Stromversorgung, Spannungswandler, Effizienz und Sicherheit. Infineon ist damit gewissermaßen der „Stromversorger“ der KI-Infrastruktur. In einer Welt, in der Rechenzentren zunehmend an Strom-, Kühl- und Netzgrenzen stoßen, wird Leistung pro Watt zum entscheidenden Faktor. Ohne leistungsfähiges Power-Management sind skalierbare KI-Rechenzentren nicht möglich.
Wettbewerb besteht weiterhin, etwa durch STMicroelectronics, NXP Semiconductors und ON Semiconductor, was den Investitionsbedarf erhöht und Ausführung sowie Margendisziplin umso wichtiger macht.
Investitionen in den Standort Deutschland
Strategie, Forschung und die technologisch anspruchsvollsten Fertigungsstufen sind bei Infineon weiterhin in Deutschland und Europa verankert. Die volumenintensive Endverarbeitung erfolgt überwiegend in Asien. Das ist branchenüblich, getrieben von Kosten-, Logistik- und Skalierungsvorteilen.
Ein zentraler Pfeiler ist der Standort Dresden. Dort entsteht derzeit das größte 300-mm-Kompetenzzentrum des Konzerns, in das Infineon rund fünf Milliarden Euro für die neue Smart Power Fab investiert. Dresden fungiert als High-Tech-Anker, in dem die komplexesten Chips für Energiewende und E-Mobilität entwickelt und gefertigt werden. Das starke Netzwerk aus Forschung, Industrie und Fachkräften – Silicon Saxony – verleiht dem Standort eine zentrale strategische Bedeutung für den Konzern.
Bewertung über Durchschnitt
Mit einem Forward-KGV von 24,8 wird Infineon über dem Wettbewerbsdurchschnitt von 21,7 bewertet. Damit liegt das Unternehmen auf Augenhöhe mit STMicroelectronics (23,9) und über ON Semiconductor (22,0), während NXP Semiconductors (16,0) deutlich niedriger bewertet ist.
Profitabilität noch ausbaufähig
Bei der LTM EBIT-Marge von 15,9 Prozent liegt Infineon knapp unter dem Wettbewerbsdurchschnitt von 16,8 Prozent. Während NXP (27,0 Prozent) klar die höchste Profitabilität aufweist und ON Semiconductor (19,8 Prozent) ebenfalls deutlich darüber liegt, zieht STMicroelectronics (4,5 Prozent) den Durchschnitt nach unten.
Wer hat die beste Kombination
Die beste Kombination aus Bewertung und Profitabilität bietet aktuell NXP Semiconductors. Ein deutlich unterdurchschnittliches Forward-KGV bei gleichzeitig sehr hoher EBIT-Marge. Die Infineon-Aktie ist höher bewertet, während die Margen noch im Mittelfeld liegen.
Zweiter Anlauf notwendig
Die Infineon-Aktie legte am Mittwoch kurz nach Handelsbeginn und der Veröffentlichung der Quartalszahlen zunächst kräftig zu. Zeitweise ging es um rund 4 Prozent auf 42,80 Euro nach oben. Die Bewegung hielt jedoch nicht lange an. Bereits im weiteren Verlauf drehte der Kurs, am Vormittag notiert die Aktie rund 2 Prozent im Minus. Käufer versuchen aktuell, den Kurs oberhalb der Marke von 40 Euro zu stabilisieren.
Damit setzt sich die Gegenbewegung fort, die bereits vorletzte Woche am Donnerstag begann. In der Vorwoche war die Aktie dabei zeitweise bis auf 46,60 Euro gestiegen. Mit diesem Anstieg überwand Infineon das Hoch aus dem Jahr 2021 und erreichte den höchsten Stand seit dem Jahr 2000.
Der jüngste Rücksetzer deutet darauf hin, dass es einen zweiten Anlauf braucht, um diesen Widerstandsbereich nachhaltig zu überwinden. Aktuell notiert die Aktie rund 48 Prozent unter dem Rekordhoch aus dem Jahr 2000, das bei 77,57 Euro markiert wurde.
Technisch sind durch den raschen Anstieg seit Dezember zwei Fair-Value-Gaps entstanden, die nun als potenzielle Unterstützungszonen dienen können. Die erste liegt zwischen 38,82 und 41,18 Euro und wird derzeit bereits getestet. Darunter befindet sich eine zweite Zone zwischen 36,93 und 38,74 Euro. In diesem Bereich verläuft zusätzlich die 20-Wochen-Linie bei 37,53 Euro, was die Zone technisch weiter aufwertet.
Die Reaktion des Kurses auf diese Unterstützungen dürfte nun entscheidend für den weiteren Verlauf sein.

Infineon im Wochenchart. Quelle: eToro
KI als langfristiger Wachstumstreiber
Infineon positioniert sich zunehmend als KI-Infrastruktur-Player. Der KI-Wachstumspfad ist klar, Power-Halbleiter sind ein struktureller Engpassfaktor. Kurzfristig bleibt die Aktie stark von Umsetzung abhängig, insbesondere bei Margen und Investitionen. Gelingt die Umsetzung, ist das KI-Narrativ langfristig substanziell untermauert.
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