Niedrig bewertet, aber schwache Margen: Die schwierige Lage bei VW

Der Iran-Konflikt und die stark gestiegenen Ölpreise setzen Volkswagen zunehmend unter Druck. Als zyklisches Unternehmen reagiert der Konzern besonders sensibel auf geopolitische Spannungen und höhere Energiekosten.

Trump mit neuer Deadline

Zusätzliche Brisanz bringt die politische Lage. Donald Trump hat dem Iran ein Ultimatum gestellt. Bis Dienstag, 20:00 Uhr US-Ostküstenzeit, soll ein Deal zustande kommen. Andernfalls drohen gezielte Angriffe auf zentrale Infrastruktur wie Brücken und Kraftwerke. Ziel ist es, den Iran zum Einlenken zu bewegen und die Straße von Hormus – eine Schlüsselroute für den globalen Öltransport – wieder zu öffnen. Für die Märkte entscheidet sich alles daran, ob es zu einem Deal kommt oder zur Eskalation.

Steigende Ölpreise mit großen Folgen

Für Volkswagen haben anhaltend hohe oder weiter steigende Ölpreise zwei zentrale Folgen. Erstens steigen die Produktions- und Logistikkosten. Höhere Preise für Öl und Gas verteuern die Fertigung spürbar. Brent legte allein im März um 43 Prozent zu, im April kamen weitere rund 7 Prozent hinzu. Gleichzeitig gefährdet die Blockade der Straße von Hormus die globale Versorgung und treibt Frachtraten sowie Versicherungsprämien nach oben. Auch Vorprodukte wie Kunststoffe und Düngemittel werden teurer und belasten die gesamte Lieferkette. Gerade bei Düngemitteln bestehen indirekte Verbindungen zur Automobilindustrie, etwa über Ammoniak und AdBlue sowie über Biokunststoffe und Textilien.

Zweitens leidet die Nachfrage. In Deutschland sind die Preise für Diesel und Benzin zuletzt deutlich gestiegen, teils auf Rekordniveau. Das dämpft die Kauflaune, insbesondere bei Verbrennermodellen. Gleichzeitig treiben höhere Energiepreise die Inflation an und schränken den Spielraum der Zentralbanken ein. Eine Anhebung der Leitzinsen durch die EZB wird aufgrund der aktuellen Marktlage zunehmend wahrscheinlicher, was Autokredite und Leasingraten für Kunden verteuern würde. Hinzu kommt die allgemeine Unsicherheit durch den Konflikt, die viele Konsumenten dazu bewegen könnte, größere Anschaffungen aufzuschieben.

VW war bereits vor dem Iran-Konflikt angeschlagen

Damit trifft der Iran-Konflikt Volkswagen in einer ohnehin schwierigen Phase und wirkt wie ein zusätzlicher Belastungsfaktor für bestehende Probleme. Die operative Marge der Kernmarken ist 2025 auf 2,8 Prozent gefallen und liegt damit deutlich unter den Erwartungen. In China verliert VW weiter Marktanteile an lokale Wettbewerber wie BYD und Geely, die bei Elektroautos technologisch und preislich voraus sind. Gleichzeitig belasten geopolitische Risiken, höhere US-Zölle und Währungseffekte das Geschäft in Nordamerika.

Hinzu kommen hohe Restrukturierungskosten. Der Konzern plant bis 2030 den Abbau von rund 50.000 Stellen und will die Kosten bis 2028 um 20 Prozent senken. Auch die Transformation zur Elektromobilität verläuft langsamer und teurer als geplant, während die Nachfrage nach E-Autos in Europa und den USA zuletzt schwächelt. Unterm Strich wird klar, dass externer Druck durch steigende Energiepreise und geopolitische Risiken auf interne strukturelle Herausforderungen trifft – eine Kombination, die die Lage für Volkswagen deutlich verschärft.

Niedrige Bewertung, aber schwache Marge

Im Vergleich mit BMW, Mercedes-Benz, Tesla, General Motors und Ford fällt vor allem eines auf: Volkswagen ist mit einem Forward-KGV von 4,2 am niedrigsten bewertet. Auf den ersten Blick wirkt der Abstand zum Durchschnitt von 34,2 enorm, allerdings wird dieser stark durch Tesla verzerrt, der E-Autobauer sticht mit einem Multiplikator von 171,4 heraus. Ohne Tesla liegt der Schnitt nur bei 6,7.

Damit bewegt sich VW klar am unteren Ende der Bewertungsspanne und wird vom Markt mit einem deutlichen Abschlag gehandelt. Das spricht zwar für eine günstige Bewertung, gleichzeitig zeigt es aber auch, dass der Markt höhere Risiken und schwächere Perspektiven einpreist. Niedrig bewertet heißt hier also nicht automatisch attraktiv.

Beim Blick auf die Profitabilität relativiert sich das Bild etwas. Volkswagen kommt auf eine EBIT-Marge von 4,1 Prozent auf Basis der letzten zwölf Monate, bei einem Durchschnitt von 4,6 Prozent. Damit liegt VW leicht darunter, aber nicht dramatisch. Deutlich stärker sind BMW mit 7,4 Prozent und General Motors mit 6,2 Prozent. Tesla erreicht 4,6 Prozent und liegt damit nur im Durchschnitt – ein klarer Margenvorteil ist hier nicht erkennbar. Ford fällt mit −0,3 Prozent aus dem Rahmen und schreibt aktuell Verluste.

Insgesamt bewegen sich die meisten Hersteller in einer relativ engen Spanne, VW gehört dabei zum unteren Mittelfeld. Unterm Strich ergibt sich ein klares Bild. Volkswagen ist niedrig bewertet, aber nur durchschnittlich profitabel. Genau diese Kombination erklärt den Abschlag, der Markt zweifelt an der Qualität und Nachhaltigkeit der Margen.

Zwei wichtige Abfangzonen

Am Dienstagnachmittag zeigt sich die VW-Aktie nach dem langen Osterwochenende leicht schwächer, ein Minus von rund 1 Prozent bei einem Kurs von 86,50 Euro. Damit nähert sich der Kurs wieder zwei wichtigen Zonen. Zunächst rückt das Fair Value Gap zwischen 83,80 und 85,00 Euro in den Fokus. Diese Zone hat bereits zweimal als Auffangbereich gedient, zuletzt im März und zuvor im April 2025. Etwas darunter liegt die runde Marke von 80 Euro, die zuletzt im November 2024 erreicht wurde und zugleich das Tief aus dem Corona-Ausverkauf 2022 markiert.

Sollten diese Bereiche bei erneutem Verkaufsdruck nicht halten, könnte eine deutliche Beschleunigung der Abwärtsbewegung drohen. Für eine nachhaltige Verbesserung der mittelfristigen Lage wäre hingegen ein Ausbruch über den Widerstandsbereich zwischen 103 und 110 Euro notwendig. Dort wurden die Käufer seit 2024 mehrfach ausgebremst. Eine Rückkehr über die 20-Wochen-Linie könnte die Chancen auf einen solchen Test erhöhen. Der gleitende Durchschnitt verläuft aktuell bei rund 95 Euro, kurzfristig behalten damit weiterhin die Verkäufer die Oberhand.

VW im Wochenchart. Quelle: eToro

Makro-Entspannung notwendig

Volkswagen steht unter doppeltem Druck durch geopolitische Risiken und strukturelle Schwächen. Trotz niedriger Bewertung fehlen klare Wachstumssignale, und auch technisch bleibt die Lage angespannt. Ohne Entspannung am Ölmarkt und in der Geopolitik bleibt die Aktie anfällig für weitere Rücksetzer. Eine nachhaltige Erholung ist derzeit nicht in Sicht – könnte aber schnell einsetzen, wenn es im Iran-Konflikt zu echten Fortschritten kommt. Das würde die allgemeine Makro-Lage entspannen, die internen Herausforderungen jedoch nur teils lösen.

 

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