Edelmetalle und Aktienmärkte erreichen zu Beginn des Jahres 2026 neue Allzeithochs. Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich. Anleger zeigen sich risikobereit, sichern sich jedoch gleichzeitig ab. Besonders Silber sticht heraus. Seit Jahresbeginn liegt das Edelmetall mit 27 Prozent im Plus, ein Vielfaches der durchschnittlichen jährlichen DAX-Rendite.
Unsicherheit hat zugenommen
Die Edelmetall-Rally wird von einer Kombination aus Unsicherheit, Geldpolitik, US-Dollar und Angebotsknappheit getragen. In der ersten Jahreshälfte ist vor allem die erneut gestiegene Unsicherheit der zentrale Treiber.
Angriffe auf die Unabhängigkeit der Fed, geopolitische Spannungen (Iran, Venezuela, Grönland) sowie politische Risiken haben die Safe-Haven-Nachfrage spürbar erhöht. Anleihen und der US-Dollar sind zuletzt eher in den Hintergrund gerückt, da die Bewegungen dort bislang überschaubar blieben.
Anleger sollten die Entwicklungen an den Anleihe- und Devisenmärkten dennoch genau im Blick behalten, da sie schnell wieder zu entscheidenden Impulsgebern für Edelmetalle werden können.
Gold/Silber-Ratio
Die Gold/Silber-Ratio ist auf rund 50 gefallen, den tiefsten Stand seit 2012, und hat sich damit im letzten dreiviertel Jahr etwa halbiert. Das zeigt: Silber hat Gold deutlich outperformt und weist eine ausgeprägte relative Stärke auf.
Gleichzeitig signalisiert dieser Rückgang, dass die Rohstoff-Rotation zugunsten von Silber bereits weit fortgeschritten ist. Kommt es zu einer Korrektur am Edelmetallmarkt, könnte Silber stärker unter Druck geraten als Gold.

Gold/Silber-Ratio im Monatschart. Quelle: TradingView
Silber vs. Gold
Silber profitiert von einem doppelten Rückenwind. Zum einen ist es ein strategischer Rohstoff mit hoher industrieller Nutzung. Zum anderen sorgt eine strukturelle Knappheit für zusätzliche Unterstützung. Viele Anwendungen verbrauchen Silber dauerhaft, wodurch Angebotsdefizite wahrscheinlicher sind als bei Gold.
Getrieben wird die Nachfrage vor allem von Zukunftsindustrien wie Elektronik, Solarenergie, Rechenzentren und KI-Infrastruktur. In Tech- und KI-Zyklen kann Silber daher mit einer stärkeren Hebelwirkung reagieren als Gold. Umgekehrt gilt jedoch auch: Zweifel an der KI-Story können Silber schneller ausbremsen als Gold.
Markt erwartet große Ausschläge (nach oben oder unten)
Der Markt erwartet in den kommenden 30 Tagen extrem starke Schwankungen bei Silber. Die 30-Tage-implizite Volatilität (Silber-ETF SLV) liegt bei 0,78, also rund 80 Prozent annualisiert. Das entspricht einer erwarteten Kursbewegung von etwa 20 bis 25 Prozent innerhalb eines Monats.
Für den Silber-ETF ist das ein außergewöhnlich hohes Niveau. Normalerweise bewegt sich die implizite Volatilität im Bereich von 30 bis 40 Prozent. Werte um 80 Prozent sind äußerst ungewöhnlich und spiegeln ein extremes Marktumfeld wider, in dem sehr große Kursbewegungen in beide Richtungen erwartet werden.

Quelle: AlphaQuery
Rally intakt, doch Warnsignale mehren sich
Silber hat letzte Woche erstmals die 90-Dollar-Marke überschritten, konnte sich darüber jedoch nicht nachhaltig behaupten. Seit Donnerstag kam es zu ersten Gewinnmitnahmen.
Der übergeordnete Aufwärtstrend bleibt zwar intakt, doch die Bewegung ist bereits weit fortgeschritten, wodurch das Korrekturrisiko spürbar steigt. Der RSI bei 84 signalisiert einen kurzfristig überkauften Markt, während eine bärische RSI-Divergenz – steigende Kurse bei fallendem RSI – zusätzlich zur Vorsicht mahnt.
Der Abstand zur 20-Wochen-Linie liegt bei über 30 Prozent, zuletzt wurde diese im Mai getestet. Zwei wichtige Unterstützungszonen, sogenannte Fair Value Gaps, liegen bei 67,40 bis 70,00 US-Dollar sowie 63,60 bis 67,30 US-Dollar.
Kurzfristig wirkt das Chance-Risiko-Verhältnis unattraktiv. Eine Gegenbewegung wäre gesund und könnte deutlich bessere Einstiegsniveaus schaffen.

Silber im Wochenchart. Quelle: eToro
Auf Anleihen und Dollar achten
Silber befindet sich derzeit in einer überdehnten Rallyphase. Allgemein sollten Anleger einer Bewegung nicht hinterherlaufen, sondern geduldig auf Rücksetzer innerhalb des Aufwärtstrends warten. Das verbessert das Chance-Risiko-Verhältnis deutlich.
Gleichzeitig ist es wichtig zu prüfen, ob die fundamentalen Treiber weiterhin intakt bleiben. Unsicherheit ist aktuell ein konstanter Begleiter, kann jedoch ebenso schnell wieder nachlassen.
Fallende Anleiherenditen und ein schwächerer US-Dollar könnten die Rally weiter stützen. Oder zumindest den Umfang einer möglichen Gegenbewegung begrenzen, falls Anleger kurzfristig Gewinne mitnehmen.
Diese Mitteilung dient ausschließlich zu Informations- und Bildungszwecken und darf nicht als Anlageberatung, persönliche Empfehlung oder als Angebot oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten verstanden werden. Dieses Material wurde ohne Berücksichtigung der spezifischen Anlageziele oder der finanziellen Situation eines bestimmten Empfängers erstellt. Es entspricht nicht den gesetzlichen und regulatorischen Anforderungen zur Förderung unabhängiger Analysen. Jegliche Hinweise auf die vergangene oder zukünftige Performance eines Finanzinstruments, Index oder eines Anlageprodukts sind keine verlässlichen Indikatoren für zukünftige Ergebnisse und dürfen daher nicht als solche betrachtet werden. eToro übernimmt keine Gewähr für die Richtigkeit oder Vollständigkeit des Inhalts dieser Veröffentlichung und schließt jegliche Haftung dafür aus.


