Rheinmetall über 40 % unter Rekordhoch – trotz Rekordaufträgen

Die Rheinmetall-Aktie markiert in den letzten Handelstagen immer wieder neue Tiefs. Inzwischen liegt der Kurs rund 43 Prozent unter dem Rekordhoch, der Abverkauf fühlt sich fast wie ein freier Fall an. Eine technische Abfangzone rückt allerdings langsam näher. Dabei mangelt es eigentlich nicht an Aufträgen. Mit einem Rekord-Auftragsbestand von 73 Milliarden Euro bleibt die Nachfrage enorm. Für Enttäuschung sorgten zuletzt vor allem der Umsatz und der Gewinn pro Aktie. Die hohen Erwartungen des Marktes konnten damit nicht erfüllt werden.

Q1-Zahlen enttäuschen

Letzte Woche hat Rheinmetall die Q1-Zahlen und einen neuen Ausblick vorgelegt. Trotz eines Rekord-Auftragsbestands von 73 Milliarden Euro reagierte der Markt enttäuscht. Vor allem Umsatz und Gewinn pro Aktie lagen deutlich unter den Erwartungen. Mit rund 1,94 Milliarden Euro lag der Umsatz zwar 8 Prozent über dem Vorjahr, verfehlte die Analystenschätzungen von 2,3 Milliarden Euro jedoch spürbar. Auch der Gewinn pro Aktie blieb mit 2,18 Euro klar unter den erwarteten 2,70 Euro. Zusätzlich belastete ein negativer freier Cashflow von -285 Millionen Euro die Stimmung. Hintergrund dafür ist vor allem der hohe Lageraufbau zur Vorbereitung zukünftiger Lieferungen.

Verzögerung bei der Umsatzrealisierung

Das Management hält trotz des schwachen Starts an den Jahreszielen fest. Der Umsatz soll 2026 weiterhin zwischen 14 und 14,5 Milliarden Euro liegen, die operative Marge bei rund 19 Prozent. Rheinmetall erwartet vor allem im 2. Quartal eine Beschleunigung, da sich größere Projektübergaben verschoben haben. Genau hier liegt aktuell aber das Problem. Der Markt zweifelt zunehmend daran, ob Rheinmetall das enorme Auftragsvolumen schnell genug in tatsächlichen Umsatz umwandeln kann. In den vergangenen sechs Monaten wurden die Erwartungen mehrfach verfehlt, wodurch Anleger das Wachstumstempo inzwischen kritischer hinterfragen.

Auch JPMorgan wurde zuletzt vorsichtiger und stufte die Aktie von „Overweight“ auf „Neutral“ herab. Gleichzeitig wurde das Kursziel gesenkt. Die Begründung: Das Risiko weiterer Gewinnsenkungen sei aktuell größer als die Chance auf positive Überraschungen. Hinzu kommt eine grundsätzliche Debatte über die Zukunft der Rüstungsindustrie. Investoren fragen sich zunehmend, wie relevant klassische Panzer und schwere Fahrzeuge in modernen Konflikten überhaupt noch bleiben. Der Fokus verschiebt sich stärker in Richtung Drohnen, Software, autonome Systeme und KI-gestützte Verteidigungstechnologien.

Strategische Partnerschaft

Genau deshalb könnte die neue Partnerschaft zwischen Rheinmetall und der Deutschen Telekom spannend werden. Beide Unternehmen wollen gemeinsam einen Drohnen-Schutzschild für Deutschland entwickeln. Ziel ist der Schutz kritischer Infrastruktur wie Kraftwerke, Brücken oder Industrieanlagen vor Drohnenangriffen und Sabotage. Der Fokus liegt auf Drohnen, die über Mobilfunknetze gesteuert werden. Die Telekom arbeitet daran, das Mobilfunknetz quasi als „Riesen-Radar“ zu nutzen, um verdächtige Drohnen frühzeitig über Auffälligkeiten im Datenverkehr zu erkennen. Rheinmetall bringt dazu die militärische Verteidigungstechnologie ein. Die geopolitischen Risiken und die zunehmende Bedeutung moderner Drohnenabwehr zeigen, wohin sich die Branche entwickelt. Rheinmetall bleibt langfristig ein zentraler europäischer Rüstungskonzern. Kurzfristig scheint jedoch viel Optimismus aus den vergangenen Jahren aus der Aktie zu verschwinden.

Bewertung: Rheinmetall zieht mit Safran gleich

Die Bewertungen großer Rüstungs- und Verteidigungsunternehmen gehen aktuell deutlich auseinander. Das durchschnittliche Forward-KGV in unserem Vergleich liegt bei 23,4, die Spannweite reicht von 16,8 bis 28,4. Trotz der jüngsten Kurskorrektur gehört die  Rheinmetall-Aktie nach wie vor zu den “teuersten” Werten der Branche. Der Markt setzt hier also weiterhin auf überdurchschnittlich starkes Wachstum und deutlich steigende Gewinne in den kommenden Jahren. An der Spitze der Bewertungsskala stehen Rheinmetall und Safran mit jeweils 28,4. Auch RTX wird mit einem Forward-KGV von 25,9 noch vergleichsweise hoch bewertet. Etwas niedriger liegen Honeywell mit 20,5 sowie General Dynamics und Thales mit jeweils 20,4. Lockheed Martin bildet mit 16,8 das untere Ende der Bewertungsspanne und ist damit im Vergleich derzeit am niedrigsten bewertet.

Rheinmetall mit zweithöchster Marge

Die Profitabilität zeigt im Vergleich ebenfalls deutliche Unterschiede. Die durchschnittliche LTM EBIT-Marge liegt bei 12,6 Prozent, die Spanne reicht dabei von 8,9 bis 18,9 Prozent. Besonders auffällig bleibt erneut Rheinmetall. Mit einer Marge von 16,6 Prozent gehört das Unternehmen zu den profitabelsten Werten der Branche. Die höchste Marge in unserem Vergleich erzielt jedoch Honeywell mit 18,9 Prozent. Auch Safran und RTX liegen mit 14,6 Prozent und 12,0 Prozent noch über dem Branchendurchschnitt. General Dynamics erreicht 10,3 Prozent, Thales 9,8 Prozent und BAE Systems 9,7 Prozent. Lockheed Martin bildet mit 8,9 Prozent das untere Ende der Vergleichsgruppe. Gerade im Fall von Rheinmetall erklärt die hohe Profitabilität teilweise auch die vergleichsweise hohe Bewertung der Aktie. Anleger zahlen aktuell also nicht nur für geopolitische Fantasie, sondern auch für eine operative Stärke, die innerhalb der Branche überdurchschnittlich ausfällt.

Aktie notiert über 40 % unter Allzeithoch

Die Aktie notiert am Dienstagnachmittag rund 5 Prozent unter dem Schlusskurs der Vorwoche bei 1.155 Euro. Bereits in der vergangenen Woche ging es zweistellig nach unten. Damit fällt der Kurs auf den tiefsten Stand seit über einem Jahr. Der Verlust gegenüber dem Rekordhoch liegt inzwischen bei rund 43 Prozent. In den vergangenen Wochen hat die Aktie immer wieder neue tiefere Tiefs ausgebildet, und das unterhalb der 20-Wochen-Linie. Der übergeordnete Abwärtstrend bleibt damit intakt. 

Die nächste mögliche Auffangzone liegt im Fair Value Gap zwischen 962 und 1.075 Euro. Eine weitere wichtige Zone befindet sich tiefer zwischen 773 und 858 Euro. Aufgrund der aktuellen Trendstruktur sollten sich Anleger auf weitere Verluste einstellen. Entscheidend wird sein, ob die Aktie auf die erste Zone positiv reagiert. Einstiege bleiben derzeit riskant, da Anleger gegen den laufenden Trend handeln würden. Um einen neuen Aufwärtstrend einzuleiten, müsste die Aktie zunächst den Schlusskurs von vor zwei Wochen bei 1.352 Euro und idealerweise zusätzlich das Vorwochenhoch bei 1.456 Euro zurückerobern. Oberhalb davon verläuft außerdem die 20-Wochen-Linie, die als wichtiger Orientierungsindikator für die übergeordnete Trendrichtung dienen kann.

Rheinmetall, Wochenchart. Quelle: eToro

Langfristige Story intakt

Rheinmetall bleibt langfristig ein zentraler Profiteur steigender Verteidigungsausgaben in Europa. Kurzfristig zeigt sich jedoch, dass die hohen Erwartungen der vergangenen Jahre kaum noch Raum für Enttäuschungen lassen. Schwächere Zahlen, Verzögerungen bei der Umsatzrealisierung und die Diskussion über moderne Kriegsführung belasten zunehmend die Stimmung. Solange die Aktie unter der 20-Wochen-Linie notiert und keine klare Stabilisierung zeigt, bleibt das Risiko weiterer Kursverluste erhöht.

 

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