Wie lange es tatsächlich dauert, bis ein Deal zwischen den USA und dem Iran zustande kommt und wann sich der Ölfluss durch die Straße von Hormus wieder normalisiert, weiß aktuell wohl niemand. Fest steht dagegen, dass diese Woche die US-Inflationsdaten anstehen. Sie werden zeigen, ob der Preisanstieg im März auf 3,3 Prozent nur ein Ausreißer war oder der Auftakt zu einer neuen Phase hartnäckiger Inflation.
Volatiler Ölmarkt
Vieles spricht dafür, dass die Inflation im April weiter angezogen hat. Vor allem der kräftige Anstieg der Brent-Futures um 6 Prozent macht eine Abschwächung der Preisdynamik eher unwahrscheinlich. Im März war der Ölpreis bereits um rund 43 Prozent gestiegen. Der Rückgang der Preisdynamik beim Öl bedeutet dabei keineswegs Entspannung, die Preise steigen lediglich weniger stark als zuvor. Und ja, im Mai sind die Ölpreise wieder gefallen, doch für die anstehenden Inflationsdaten zählt der April.
Inflationsüberhang
Außerdem reichen die Folgen eines Ölschocks weit über die Zapfsäule hinaus. Sie wirken wie ein Brandbeschleuniger für die gesamte Wirtschaft. Selbst bei einem möglichen Iran-Deal könnte die Inflation weiter steigen. Der Grund dafür sind die Zeitverzögerungen, mit denen höhere Energiepreise letztlich im Warenkorb der Konsumenten ankommen. Genau dieses Phänomen beschreibt der sogenannte Inflationsüberhang. Die gemessenen Inflationsraten bleiben hoch oder steigen weiter, obwohl die eigentlichen Ursachen bereits nachlassen. Man kann sich das wie das Bremsen eines schweren Güterzugs vorstellen. Die Lokführer, also die Märkte, ziehen bereits die Bremse, doch die Waggons, sprich die Preise im Supermarkt, rollen aufgrund ihrer Masse noch eine ganze Zeit weiter.
Es braucht echte Fortschritte
Die Märkte befinden sich aktuell in einem Tauziehen zwischen geopolitischer Entspannung und strukturellen Preisrisiken. Die Hoffnung auf einen Deal hat die jüngste Aktienrally und den Rückgang der Ölpreise maßgeblich mitgetragen. Vor allem die Aussicht auf eine Wiedereröffnung der Straße von Hormus dominiert derzeit die Stimmung an den Märkten. Solange die Verhandlungen Fortschritte machen, könnten Anleger einen moderaten Inflationsüberhang ignorieren. Die schlechten Nachrichten von heute, also steigende Inflationsdaten, werden verdrängt, weil die Märkte fest an die besseren Nachrichten von morgen glauben – einen Deal und freie Seewege.
Inflation doch nicht so wichtig?
Deshalb gibt es durchaus Argumente dafür, dass die Inflationsdaten kurzfristig weniger wichtig sein könnten oder bereits eingepreist sind. Solange der Trend bei den Rohstoffpreisen nach unten zeigt, dürfte ein heißer Inflationsbericht eher als vorübergehendes Rauschen interpretiert werden. Doch diese Gelassenheit hat Grenzen. Ein Inflationsüberhang wird nur toleriert, solange der Deal glaubwürdig bleibt. Sollten die Verhandlungen ins Stocken geraten, könnte aus dem „temporären Überhang“ schnell wieder eine reale Bedrohung werden. In diesem Fall müsste die Fed möglicherweise reagieren, und die Märkte würden Gegenwind bekommen. Nach dem jüngsten Zinsentscheid signalisierten Notenbanker bereits, dass bei anhaltend hoher Inflation sogar erneute Zinserhöhungen möglich wären. Die Märkte glauben daran allerdings kaum. Aktuell wird für dieses Jahr weder mit Zinserhöhungen noch mit Zinssenkungen gerechnet.
Zwei wichtige Veröffentlichungen
Am Dienstag steht der Verbraucherpreisindex an, am Mittwoch folgt der Erzeugerpreisindex. Während der VPI zeigt, was Verbraucher bereits bezahlen, gilt der EPI als Frühwarnsystem für den zukünftigen Preisdruck auf Herstellerebene. Ein hoher EPI bei gleichzeitig moderatem VPI würde darauf hindeuten, dass Unternehmen steigende Kosten bislang noch nicht vollständig weitergeben konnten. Das wäre kein gutes Zeichen für die aktuelle Aktienrally.
KI-Rally und die Straße von Hormus
Besonders die KI-Story könnte empfindlich auf eine hohe Inflation reagieren. Gleichzeitig sind es vor allem KI-Aktien, die derzeit den Großteil der Rally tragen. Tech-Giganten investieren derzeit massiv in KI-Infrastruktur, und genau diese Investitionen sind stark zinssensitiv. Höhere Inflationsdaten würden die Kapitalkosten hochhalten und damit die Gewinnmargen vieler Unternehmen unter Druck setzen. Am Ende braucht es die Sicherheit, dass die Straße von Hormus als Lebensader des Ölmarktes unbeeinträchtigt bleibt.
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