Iran-Konflikt: Waffenruhe verlängert, skeptische Erleichterung

Die Lage wirkt aktuell äußerst paradox. Donald Trump verlängert die Waffenruhe mit dem Iran auf unbestimmte Zeit, gleichzeitig bleibt die Straße von Hormus blockiert. Als Folge bestehen Angebotsengpässe bei Öl, Gas und Dünger weiterhin. Die grundlegenden wirtschaftlichen Probleme sind also keineswegs gelöst.

Drei strategische Gründe?

Dabei hatte Trump noch am Montag betont, dass eine Verlängerung ohne unterschriebenes Abkommen „höchst unwahrscheinlich“ sei. Der plötzliche Kurswechsel dürfte strategische Gründe haben. Offiziell verweist er auf Bitten pakistanischer Vermittler, die mehr Zeit benötigen, da die iranische Führung intern zerstritten sei. Gleichzeitig setzt Trump auf Zeit. Er argumentiert, dass der Iran durch die Blockade täglich rund 500 Millionen Dollar verliert. Je länger die Waffenruhe bei aufrechterhaltener Blockade anhält, desto größer der wirtschaftliche Druck auf Teheran. Zugleich verschiebt er die Verantwortung – eskaliert die Lage, kann er argumentieren, alle Chancen für Frieden gegeben zu haben.

Märkte in Wartehaltung

Die Märkte reagieren entsprechend verhalten, eher mit skeptischer Erleichterung als mit Euphorie. Die Futures auf den S&P 500 und der DAX liegen zum Start in Europa jeweils nur rund 0,3 Prozent im Plus. Auch der Ölpreis signalisiert keine echte Entspannung, er pendelt um 95 US-Dollar und testet die 20-Tages-Linie. Erst vor wenigen Tagen hatten Käufer die Unterstützung bei 85 US-Dollar verteidigt und damit die jüngste Erholung eingeleitet. Dass die Börsen zuvor neue Rekordhochs erreicht haben, zeigt, wie viel Optimismus bereits eingepreist war. Viele Anleger hatten die Drohung einer Eskalation als Bluff interpretiert, anders lässt sich die Geschwindigkeit der Erholung kaum erklären.

Ölpreis im Tageschart. Quelle: eToro

Es braucht echte Fortschritte

Die Verlängerung der Waffenruhe ist letztlich nur ein Aufschub. Politisch mag ein unbefristeter Waffenstillstand wie ein Erfolg wirken, wirtschaftlich bedeutet er jedoch anhaltenden Druck, solange Energieflüsse gestört bleiben. Genau daraus entsteht die aktuelle Bewertungslücke. Politische Entspannung auf dem Papier, wirtschaftliche Belastung in der Realität. Um die hohen Bewertungen zu rechtfertigen, braucht es mehr als Zeitgewinn. Es braucht einen konkreten Deal oder zumindest sichtbare Fortschritte.

Die Zurückhaltung der Märkte hat also einen klaren Grund, denn die Lage bleibt widersprüchlich. Die Waffenruhe stoppt zwar die Bomben, aber nicht die Blockade. Lieferketten bleiben gestört, Energiepreise hoch. Investoren fürchten ein Szenario, das weder Krieg noch Frieden ist – ein eingefrorener Konflikt, der Unsicherheit zementiert und Investitionen bremst. Hinzu kommt, dass Trumps Kehrtwende innerhalb von 48 Stunden Vertrauen untergräbt. Die Märkte warten auf klare Signale aus Teheran, die bislang eher verhalten ausfallen.

Trump und die Midterms

Politisch steht Trump unter Druck. Mit den Midterms im November braucht er eine starke Wirtschaft. Ein durch hohe Energiepreise ausgelöster Abschwung wäre fatal. Gleichzeitig drängt er die US-Notenbank zu Zinssenkungen, um Wirtschaft und Märkte zu stützen. Doch das funktioniert nur bei sinkender Inflation. Solange Ölpreise hoch bleiben, sind der Fed die Hände gebunden. Ein Deal wäre daher nicht nur geopolitisch, sondern vor allem wirtschaftlich ein Befreiungsschlag. Sinkende Energiepreise könnten Inflation dämpfen und Zinssenkungen ermöglichen, ein klares politisches Argument im Wahlkampf.

Genau hier liegt auch Trumps Risiko, Teheran weiß um seinen Zeitdruck. Der Iran könnte die Verhandlungen gezielt hinauszögern, um größere Zugeständnisse zu erzwingen. Öl wird dabei zum strategischen Hebel, mit direktem Einfluss auf die US-Inflation. Die Märkte setzen aktuell darauf, dass Trumps Eigeninteresse ihn am Ende zu einem Deal bewegen wird, den er als Erfolg verkaufen kann.

Diplomatie braucht Zeit

Historisch brauchen diplomatische Durchbrüche oft einen klaren Auslöser, etwa wirtschaftlichen Druck oder politische Deadlines. Ein Rahmenabkommen bis Sommer 2026 erscheint daher als realistisches Best-Case-Szenario. Die Marktfolgen wären deutlich, ein Deal würde die aktuelle „Risk-on“-Rally bestätigen. Kapital könnte weiter aus defensiven Sektoren wie Energie und Versorgern in zyklische Bereiche wie Tech und Konsum fließen. Auch Logistik- und Transportwerte würden profitieren, da eine Öffnung der Straße von Hormus Frachtraten und Versicherungskosten senkt. Schwellenländer könnten zusätzlich Rückenwind bekommen, ein schwächerer Dollar würde ihre Schuldenlast deutlich verringern.

Umgekehrt gilt, dass der Energiesektor bei einem Deal unter Druck geraten dürfte. Mehr Angebot würde die Preise senken, was klassische Ölkonzerne belastet. Auch Rüstungswerte könnten kurzfristig an Dynamik verlieren, da die geopolitische Risikoprämie sinkt. Scheitern die Verhandlungen oder eskaliert der Konflikt, droht eine schnelle Gegenbewegung. Die Märkte würden abrupt in den Risk-off-Modus wechseln.

Blick nach vorne

Trotz allem gilt, dass politische Börsen kurze Beine haben. Geopolitische Schocks sorgen oft für starke, aber kurzfristige Ausschläge. Märkte hassen Unsicherheit, gewöhnen sich aber schnell an neue Realitäten. Sobald ein Szenario klar ist, wird es eingepreist. Langfristig zählen weiterhin Unternehmensgewinne und Zinsen, nicht Schlagzeilen.

 

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